Am 20. Juni 1991 beschloss der Bundestag in Bonn, den Sitz der Hauptstadt der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland nach Berlin zu verlegen. Die politische Wiedergewinnung der Hauptstadt Preußens und des Deutschen Reiches war das äußerliche Zeichen des Wiedereintritts Deutschlands in das Konzert der europäischen Mächte. Die notorische Westbindung der Bonner Republik seit der Kanzlerschaft Adenauers schien an den alten Regierungssitz am Rhein gebunden, schon die geographische Verlegung des politischen Zentrums nach Brandenburg bewirkte ein etwas ausgeglicheneres Verhältnis Richtung Osten.

Die Kanzlerschaft Gerhard Schröders und dessen Nein zur von den USA und einer „Koalition der Willigen“ betriebenen (völkerrechtswidrigen!) Invasion des Irak im Rahmen des „Dritten Golfkrieges“ gab diesem neuen Selbstbewusstsein sinnfälligen Ausdruck. Die engere Anbindung Berlins an Moskau war demnach vielleicht auch mehr neuer Interessenausrichtung deutscher Außenpolitik geschuldet als einer bloßen Männerfreundschaft zwischen Schröder und Putin. Angela Merkel hat diesen Kurs nach der Übernahme der Kanzlerschaft freilich wiederum deutlich in Richtung „atlantischer Partnerschaft“ korrigiert.

In Europa, dessen Interessensausgleich (derzeit) in die Institutionen und Gremien der EU transformiert ist, wird der Führungsanspruch der Bundesrepublik nicht mehr in Frage gestellt – wenn auch nicht überall gern gesehen.

Anschaulichster Ausdruck dieses neuen Willens nach Weltgeltung sind die mittlerweile jahrzehntelang laufenden Umgestaltungsmaßnahmen in Berlin. Nicht nur von Denkmalschützern wurde die Schleifung des „Palastes der Republik“ – als Kulminationspunkt von Politik, Medien und Kultur der „DDR“ – kritisiert. Nicht ganz unberechtigt ist wohl der Verdacht, dass die Geschichtsvergessenheit der deutschen politischen Elite, die Jahre zwischen 1933 und 1945 natürlich ausgenommen, sich auch in der Schleifung von deutschen Erinnerungsorten ausdrücken wird. Bedenkt man andererseits die besondere Lage des Palastes im historischen Zentrum der Stadt wird man der „jungen“ Republik ihr Recht auf die Gestaltung ihrer Mitte nicht absprechen können. Die untergegangene „DDR“ freilich kannte derartige Skrupel im Umgang mit historischer Bausubstanz nicht, sondern suchte im Gegenteil die Auslöschung architektonischer Zeichen der Reaktion zu beschleunigen. Mit dem Wiederaufbau der Fassade des einst gesprengten Berliner Stadtschlosses, in seiner Zugehörigkeit zur Museumsinsel und zum Berliner Dom, gewinnt Berlin seine historische Mitte wieder.

 

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[Bild: Szczecinolog/wikimedia.org]