Erleben wir jetzt den Höhepunkt der Flüchtlingswelle?

Dr. Karin Kneissl: Wir stehen erst am Anfang!  Wir haben größere geopolitische Umwälzungen zu erwarten, die im Nahen Osten und Nordafrika im Gange sind. Und da gesellt sich eigentlich Woche für Woche ein neues Problem hinzu, wie zum beispielsweise auch die Kriegssituation in der Türkei. Es sind laut UNHCR – die genaue Zahl weiß ich jetzt nicht –  an die 20 Millionen Menschen, die sich im Nahen Osten in irgendeiner Weise in einer Fluchtbewegung befinden. Und da sind noch gar nicht jene aus dem  Jemen eingerechnet.

 

Inwieweit war dieser Ansturm über Ungarn eigentlich zu erwarten?

Kneissl: Diese ominöse Balkanroute war mir persönlich schon vor einiger Zeit bekannt, und ich habe das auch kundgetan. Ich war immer erstaunt, wie gewisse Entscheidungsträger sich nicht damit auseinandersetzen wollten. Wir wissen, dass Pilger und Kreuzritter in der Vergangenheit ja auch zu Fuß nach Damaskus und ins heilige Land auf dieser Route gegangen sind. Also, dass man zu Fuß von dort hierherkommen kann, darf eigentlich niemanden überraschen.

Dass man sich seit dem Frühjahr nur mehr auf „Wie versenken wir Schlepperschiffe?“ konzentrierte, das kann ich auch nicht nachvollziehen. Das ist   nur Ausdruck der Unfähigkeit, der Hilflosigkeit vieler Führungsebenen, die offenbar jede wirklich strategische Planung, die diesen Namen verdient, vermissen lassen.

 

Das heißt: Wir befinden uns eigentlich am Beginn einer Völkerwanderung, auch aus anderen, als Kriegsgebieten?

Kneissl: Ja, ich habe in der Vergangenheit immer wieder gesagt, mindestens ein Drittel oder ein Viertel, die über die Balkanroute kommen, sind keine Syrer oder Iraker, also keine Kriegsflüchtlinge im engeren Sinne. Auch Aussenminister Kurz hat erklärt, er hätte Informationen von den mazedonischen Behörden, 50 Prozent seien keine Syrer und Iraker, sondern da sind eben sehr, sehr viele Menschen aus Pakistan darunter, aus Bangladesch, aus Algerien. Für alle Auswanderungswilligen gilt: „Jetzt oder nie!“ Auch die gefälschten Führerscheine oder Pässe müssten den Sicherheitsbehörden schon lange bewusst gewesen sein. Ich habe auch in Traiskirchen Leute getroffen – soviel Arabisch kann ich – die keine Syrer sind, sondern Ägypter.