„60 Jahre und kein bisschen weise“ betitelte einst Curd Jürgens seine Memoiren. Auch für Klaus Maria Brandauer – sollte er beabsichtigen, uns jemals an seiner Vita teilhaben zu lassen – wäre das kein unpässlicher Titel. Doch anstatt uns eine Autobiographie zu kredenzen oder gar mit einem Film oder einer neuen Aufführung aufzuwarten, beschert uns der Altausseer Oscar- und Golden-Globe-Preisträger zu seinem 75. Wiegenfeste bloß eine unrühmliche Ansammlung abgehalfterter Interviews. Im Alter wird man eben doch bescheiden – sogar Brandauer.

Und so sprach er unlängst in einem gefüllten Theaterraum ins Mikro eines Journalisten des „Neuen Volksblattes“, wo er uns folgendes wissen ließ: „Die Situation in der EU ist zum Weinen. Es herrscht Streit statt Solidarität.“ Es kommen einem die Tränen. Weiter im Text: „Wer hehre Gedanken hat, dem wird kaum mehr zugehört.“ Und da ist sie schon wieder, die altbekannte brandauerliche Hybris. Wen meint er denn da? Wer hat denn „hehre Gedanken“? Ernst Jünger oder Stefan George? Lothar Höbelt oder Putin? Merkel oder Macron? Oder gar Jean-Claude Juncker? Oder meint er etwa sich selbst? Klar, wen sonst. Also doch hybrid.

Kommen wir nun zum inhaltsreichen Höhepunkt des Gesprächs: „Die EU ist ein Garant des Friedens.“ Sicher, an der Ukraine-Krise ist Russland schuld. Frontex wird sympathisch, sobald es versagt. Und die paar tausend Vergewaltigungen und Einbrüche – wen kümmern die schon, solang die Banditen nicht nach Altaussee kommen.

Und weil die EU so effizient arbeitet, sollte man auch keinesfalls rational-ökonomische Bedenken gegen ihre Vergrößerung gelten lassen. Was wiegt schon die Realität gegen eine Idee! Und so konstatiert unser Burgmime ungewohnt lapidar: „Ich bin ein EU-Erweiterungsfan.“ Na, no na! Jetzt wiss‘ ma’s!

Doch damit nicht genug, auch innerstaatlich bedrücken Herrn Brandauer einige Vorkommnisse: „Jetzt kommen auch in Deutschland wieder uralte Gerüche, ein längst überkommener Mief nach oben. Die politische Situation in Österreich gefällt mir nicht. Die Vorkommnisse in der FPÖ-nahen Welt sind nach wie vor beängstigend.“

Dafür, dass die FPÖ ihn inmitten des Interviews noch beängstigt, steckt er seine Sorgen ziemlich rasch wieder weg: Denn schon am Ende des Gespräches ist er wieder „saumäßig froh“, dass er „auf der Welt“ ist. Na immerhin. Dann kann er ja wenigstens gut schlafen, der Herr Brandauer – trotz FPÖ.

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia/JCS; Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported]