Wenige Tage vor der niederösterreichischen Landtagswahl wurde von der ultralinken Wiener Stadtzeitung „Der Falter“ enthüllt, dass die pennale Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt über ein im Jahre 1997 wieder aufgelegtes Liederbuch verfüge, in dem ein „Nazi-Lied“ enthalten sei, welches sich durch rassistische und antisemitische Strophen auszeichne.
Und der stellvertretende Altherren-Obmann dieser Mittelschülerverbindung sei schließlich und endlich der FPÖ-Spitzenkandidat für die niederösterreichischen Landtagswahl Udo Landbauer. Die rassistischen Strophen seien jene, in denen ein „schlitzäugiger Chines zur Waffen SS“ wolle oder „ein Araber-Scheich heim ins Reich“. Und die antisemitische lautet: „Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ‚Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million‘“.
Die darauf in den letzten Tagen vor der Landtagswahl – was ja selbstverständlich nur reiner Zufall sein kann – ausbrechende Hysterie erhob das Ganze auf das Niveau einer Staatsaffäre. Befeuert von den Mainstream-Medien, begleitet natürlich zu allererst von Wortspenden der linken Opposition, nahmen bis zum Bundeskanzler und Bundespräsident aller höchst angewidert ob dieses Aufrufs zum Massenmord Stellung.
Das Staatsoberhaupt ließ – völlig unparteiisch wie gewohnt – vernehmen, dass er selbstverständlich den Rücktritt des Herrn Udo Landbauers erwarte. Dieser habe sich für die österreichische Politik völlig disqualifi ziert, da er, entgegen seiner Behauptungen, das Lied nicht zu kennen, selbstverständlich davon gewusst haben müsste (wo bleibt die Unschuldsvermutung, Herr Bundespräsident?). Und schließlich und endlich erklärte sogar die niederösterreichische Landeshauptfrau, dass mit dem betreffenden Herrn eine Regierungsarbeit künftig völlig ausgeschlossen sei. Und insgesamt ging quer durch alle Gazetten eine Hetze gegen Burschenschaften und Burschenschafter los, die dann schon groteske Züge annahm. Sie gipfelte in der Frage eines ORF-Redakteurs an den Bundespräsidenten am Holocaust-Gedenktag, ob denn ein Burschenschafter bei den demnächst zu besetzenden Sitzen im Verfassungsgerichtshof nicht von vorherein ausgeschlossen werden müsste. Und das Ganze fand natürlich ein Echo in den internationalen Medien, in welchen das Land wieder einmal als typisches Naziland vorgeführt wurde. Das „widerliche Nazi-Liederbuch“ enthielt neben den traditionellen Liedern aus dem 19. Jahrhundert wie „Brüder, eh’ der Becher kreise“, „Die Freiheit, die ich meine“ oder „Die Gedanken sind frei“ von unsäglichen Autoren wie Wilhelm Hauff, Ernst Moritz Arndt, Theodor Körner, Ludwig Uhland, Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller auch Jux- und Trinklieder. Darunter eben jenes von den „alten Germanen“, die da auf beiden Seiten des Rheins auf ihren Bärenfellen lagen. Dazu kann man im „Volksliederarchiv“ im Internet folgendes lesen: Gedruckt wurde das Lied zuerst in den „Fliegenden Blättern“ im Jahre 1872, gedichtet von einem Alexander Kunz, der, wiewohl als Arzt in Tanger im Jahre 1907 gestorben, zweifellos ein unverbesserlicher Proto-Nazi gewesen sein muss. Weiters kann man dort lesen: „Das Trinklied wurde zunächst in Studentenkreisen mündlich weiterverbreitet, stark verändert und zurecht gesungen, oft parodiert und schließlich von Tanz- und Stimmungskapellen übernommen“.
Überdies findet man im Internet einen essayistischen Beitrag des linksliberalen Publizisten Klaus Harpprecht im Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ vom 4. Mai des Jahres 2005, also zur sechzigsten Wiederkehr des Kriegsendes, über die Atmosphäre in der deutschen Gesellschaft in den letzten Kriegsjahren und bei Kriegsende.
Er schrieb, dass die NS-Usancen sehr schnell aus dem deutschen Alltag getilgt wurden. Usancen, die, wie Happrecht schreibt, zuvor „in allen Winkeln der Volksgemeinschaft“ keineswegs „ohne eine Prise Spott akzeptiert“ worden seien. Da habe zu vorgerückter Stunde so mancher Skeptiker einen Bruder „im Zweifel“ gefragt, „ob er den deutschen Ärztegruß kenne“, nein? Heil Hitler, aber bitte: Heil Du ihn, und auf den Schulausflug (wenn’s nicht beim Heimatabend der Pimpfe war) sangen die aufmüpfigen Spitzbuben „es lagen die alten Germanen zu beiden Seiten des Rheins, sie lagen auf Bärenhäuten und tranken immer noch eins, da trat in ihre Mitte ein Römer mit deutschem Gruß: „Heil Hitler, ihr alten Germanen, ich bin der Tacitus.“ Und Harpprecht deutet damit an, dass die damals zeitgemäßen Neudichtungen der Strophen dieser Lieder gewissermaßen subversiven und NS-kritischen Charakter hatten. Auch oder gerade, wenn sie „schlitzäugige Chinesen“ und „Araber-Scheichs“ zitierten, die sich groteskerweise der NS-Volksgemeinschaft anzuschließen gedachten.
Keineswegs gilt dies allerdings für die offenbar erst in den späten 40er-Jahren oder frühen 50er-Jahren hinzugefügte Strophe mit dem „Juden Ben Gurion“. Hier offenbart sich unzweifelhaft das, was es in der deutschen und auch österreichischen Nachkriegsgesellschaft an Restbeständen von Antisemitismus und NS-Ideologie gegeben hat. Restbestände allerdings, die keineswegs auf die ach so bösen „Burschenschaften“ beschränkt waren, sondern insgesamt in der gesamten Gesellschaft und in allen politischen Lagern präsent waren. Restbestände, die sich etwa darin äußerten, dass der damalige SPÖ-Vorsitzende Adolf Schärf an in Exil befindliche jüdische Genossen im Ausland schreiben ließ, sie sollten doch nicht nach Österreich zurückkommen, da sie der SPÖ schaden würden. Restbestände, die sich noch im Jahre 1970 darin äußerten, dass die Volkspartei ihren Bundeskanzler Klaus als „echten Österreicher“ plakatieren ließ, im Gegensatz zum jüdisch-stämmigen SPÖ-Kandidaten Bruno Kreisky. Und schließlich Restbestände, die sich auch in der viel zitierten Aussagen von Bruno Kreisky selbst widerspiegelten, wonach „die Juden, wenn sie ein Volk sind, ein mieses Volk“ wären.
Dass solche Restbestände allerdings im Jahre 1997 noch in einem studentischen Liederbuch Aufnahme nahmen, ist absolut unverständlich. Relativiert wird das Ganze allenfalls dadurch, dass alle im Besitz der Burschenschaft verbliebenen Exemplare des Buches bei den entsprechenden Stellen geschwärzt waren. Und natürlich konnte der erst Jahre später aktiv gewordene Udo Landbauer persönlich nichts für all diese Vorgänge und konnte natürlich auch nicht um sie wissen. Von ihm also jetzt politische Verantwortung zu verlangen, ist nichts als wahlkampfbedingte Polemik.
Keine Polemik, sondern tatsächlich massive Hetze ist es, wenn nunmehr von österreichischen Meinungsmachern jene studentisch-akademische Rand und Restkultur, wie sie sich in den Burschenschaften, Corps und Landsmannschaften manifestiert, insgesamt verunglimpft und kriminalisiert wird. In Kommentaren von vielen namhaften Meinungsmachern der Republik, vom Chefredakteur der „Presse“ bis zu dem des „Kurier“, heißt es, Österreich werde nicht „deutschnational“ werden, weil die Burschenschafter in der FPÖ dies wollten. Oder weiters: diese würden einem „völkischen Nationalismus“ frönen, welcher letztlich die deutsche Volks- und Kulturgemeinschaft doch in einem einigen Staat sehen wolle, Anschlusspropaganda also. Insgesamt seien diese antiquierten reaktionären Vereinigungen verfassungsfeindlich und absolut abzulehnen. Ihr Einfluss, wie er sich nunmehr über die kleinere Regierungspartei zeige, sei höchst bedenklich.
Da entblödet sich einer, der sich selbst zur Ikone des österreichischen Mainstream-Journalismus hochstilisiert, nämlich der ORF-Fernsehsprecher Armin Wolf, nicht, auf seinen Twitter-Account folgendes zu schreiben: „Was mich aber schon interessieren würde: warum engagieren sich im Jahr 2018 erwachsene Österreicher (Frauen nicht zugelassen) in einem Verein namens „Germania“ mit dem offiziellen Motto: „Deutsch und treu in Not und Tod“? Diese Bemerkung ist genauso intolerant und blöd, wie wenn man Herrn Armin Wolf fragen würde, wie in seinem Geburtsjahr 1966 jemand seinen Sohn Armin nennen kann, nach Arminius dem Cherusker, dem Germanenbefreier?
Und warum sich überhaupt jemand nicht umbenennen lässt, dessen Familienamen „Wolf“ lautet, wo „Wolf“ doch der Kosenamen war, den etwa Winifred Wagner für den Herrn Führer aus Braunau verwendete.
Aber abgesehen von derlei politisch-korrekter Hetze werden sich die historisch gewachsenen Vereinigung des Dritten Lagers, insbesondere die waffenstudentischen Korporationen, tatsächlich um Hygiene im eigenen Haus bemühen müssen: Um zu verhindern, dass das alte und aus der deutschen Klassik und deutschen Romantik herstammende studentische Liedgut als NS-lastig und faschistoid diskreditiert wird, wird man beispielsweise jene wenigen Texte – wenn es sie überhaupt gibt – in denen rassistische oder antisemitischer Tendenzen erkennbar sind, tilgen müssen. Oder sie zumindest dort benennen, wo sie in vergangenen Jahrzehnten in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch gesungen wurden.
Und um die Kriminalisierung dieses Bereichs des Dritten Lagers durch den linken Tugendterror zu verhindern, sollte man proaktiv selbst die eigene Vergangenheit mit all ihren Höhen und Tiefens auch mit den Hypotheken der NS-Zeit, des Antisemitismus, des Antiklerikalismus und antiliberaler Strömungen aufarbeiten. Diesbezüglich wäre der Vorschlag von Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, so etwas wie eine Historikerkommission einzusetzen, durchaus dienlich.

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