„I brauch kan Pflanz“, betitelte Michael Heltau einst eines seiner unzähligen Programme, und dieser Bescheidenheit scheint der Burg-Doyen auch heute, am 5. Juli, seinem 85. Geburtstag, treu zu bleiben, indem er ihn nicht feiert. Wir aber feiern ihn und wir feiern ihn gern!

Der Ingolstädter Wahlwiener hat im Grunde alles erreicht, wovon Theaterschauspieler meist nur träumen dürfen. Er spielte auf allen größeren Bühnen von Wien bis Hamburg, war Troilus, Hamlet und Romeo ebenso wie Wallenstein, Heinrich IV. oder Higgins an der Volksoper. Studiert hatte Heltau am Reinhardt-Seminar unter Helene Thimig, der Witwe des Stifters. Entdeckt hatte ihn schließlich Fritz Kortner, den eine stürmische Nacht in den Spessart verschlug – schon war Heltau in München engagiert. Er spielte später an der Josefstadt und anschließend am Burgtheater, dessen jüngster Doyen er 1993 ward – trotz, nicht wegen Peymann.

Wer meint, er hätte sich um seine Rollen gerissen, irrt. Heltau war nicht käuflich, ging nie „auf den Strich“, wie er es selbst nannte. So lehnte er nicht nur Angebote des Broadways ab („Phantom der Oper“), sondern auch die Hauptrolle in der „Schwarzwaldklink“. Begründung: „Ich kann nicht ein Jahr lang Leuten den Puls fühlen und das passende Gesicht dazu machen.“ Auch König Lear legte er zurück, als 1997 der Regisseur Giorgio Strehler starb, dessen Tod er als dahingehendes Zeichen deutete.

Zwei Jahre später kehrte er der Schauspielerei endgültig den Rücken und spezialisierte sich auf jenes Metier, dem er seit den 70er Jahren anhing: Soloabende. Wienerlied und Chanson – „Welttheater in drei Minuten“. Seine Bühnenbilder sind die schönsten Bühnenbilder der Welt, die allerschönsten – gar keine. Ein Klavier. Fünf Musiker. Gutes Licht. Und Raum. Das reicht. Mehr braucht’s nicht. Und diesen Raum füllt er aus – durch Stimme, durch Bewegungen, durch Präsenz.

Wie aber kam Michael Heltau zum Chanson? Auslöser war eine Begegnung mit Jacques Brel in Frankreich. Brel bat ihn ein Wienerlied zu singen und war sofort so überzeugt, dass er alle Rechte übertrug. Es kam sogar von 1976 bis 1988 zu einer Fernsehsendung, dem „Liedercircus“, der einzigen deutschspracheigen Chanson-Musikshow, in der Heltau neben Ingrid Caven, Milva, Gisela May oder Hermann van der Veen eingedeutschte Chansons von Brel, Trenet, Piaf, Ferrat oder Aznavour vortrug.

Auch um das Wienerlied erwarb er sich große Verdienste. Seine taktvolle, melodisch-melancholische Interpretation abgeschliffener Klassiker wie „Wenn der Herrgott net will“ oder des „Cafe in Hernals“ trug ihm den Titel: „Meister der leisen Zwischentöne“ ein. Und Paula Wessely bekannte gar freudig: „Der Michl hat uns das Wienerlied gerettet!“

Ein Kollege Heltaus sagte einst: „Andere haben Publikum, Sie haben Freunde.“ Stimmt.

[Text: A.L.; Bild: Christoph Hellhake]