Piaf, Brel, Trenet, Aznavour. Das ist Frankreich. Nirgendwo drückt sich die französische Lebensart intensiver aus als im Chanson. Das wissen die Franzosen auch und danken es ihren Künstlern. Nicht umsonst neigte sich der Eiffelturm in Gold, als Aznavour starb.

Jede Gefühlsregung wird in diesem Genre ans äußerte getrieben. Das Chanson ist im Grunde immer ein Exzess. Meist beginnt es leise und steigert sich ins Unendliche. An der Grenze des Körperlichen, des Stimmlichen bricht es ab. Der Traum wird Wirklichkeit. Ein Griff in den Himmel. In drei Minuten vom Nichts zum Alles.

Und diese einzigartige Musikgattung, die im deutschen Sprachraum trotz Heltau und Marlene Dietrich leider bis zum heutigen Tag nicht gebührend wahrgenommen wird, findet sich in Frankreich nun gemäß Bericht der „Presse“ zum Teil auf einer Liste der linken Zeitschrift „Marianne“. Diese brachte nämlich eine „Moralordnung verbotener Couplets“ heraus. Auf 60 Seiten finden sich ganz böse Dinge wie Rausch, Alkohol, Mord, Prostitution, Neger, Tierquälerei,… Erstaunlich, was man alles findet in der französischen Kunst.

Gerade diese Vielfalt an Themen adelt aber die französische Musik, während es beim deutschen Schlager – mehr kennt hier die Masse im Grunde nicht – stets um ein heterosexuelles Liebespaar geht, das sich am Ende für immer findet und zeitlos glücklich ist – eine billige Idylle zum Kotzen!

Dass Chansons aber in einem zeitlichen Kontext stehen, wird von dieser Zensur-Zeitschrift ebenso konsequent ignoriert wie der Wirklichkeitsanspruch jeder ernsthaften Kunst. Und wenn über Berauschte, Chancenlose, Trinker, Huren, Mörder, Räuber, Zigeuner gesungen wird, so gilt es, das Lebensgefühl der Besungenen darzustellen, sie zu treffen in Wort und Rhythmus.

Jedes Theater versucht nichts anderes. Von Macbeth bis Titus Andronicus. Erst wenn die Karten auf dem Tisch liegen, lässt sich diskutieren. Zunächst aber müssen wir uns getrauen, die Dinge beim Namen zu nennen.

Stattdessen wiegen wir uns in eine neue Zensurwelle, die Metternich geradezu putzig erscheinen lassen wird.

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia/Jac. de Nijs / Anefo; Lizenz: CC BY-SA 3.0]