Kaum ist die närrische Zeit vorbei, dürfen sich Staatsanwaltschaften und Gerichte mit einigen Jecken beschäftigen, die es mit der Kritik an der Obrigkeit „übertrieben“ haben. Noch nie zuvor war die Aufregung über politisch unkorrekte Aussagen auf Umzugswagen derart groß wie im heurigen Jahr. Das wird vor allem daran liegen, dass die Mächtigen derzeit merken, wie ihnen die Felle in Bezug auf die Volksmeinung wegschwimmen. Das „Refugees Welcome“-Geschrei der Willkommensklatscher bildet offenbar nicht die mehrheitliche Meinung der deutschen Bevölkerung ab, weshalb das Establishment besonders sensibel auf Meinungsabweichler reagiert.
Dabei ist der Karneval – oder, außerhalb der Kölner Metropole, der Fasching – bereits aus seiner Geschichte heraus eine Zeit, in der nicht nur über die Stränge geschlagen wird, bevor die Fastenzeit beginnt, sondern auch die Zeit, um den Politikern zu zeigen, was das Volk so von ihnen hält. In Büttenreden, Spottliedern und auf den Motivwagen der Rosenmontagszüge werden sie zurechtgestutzt, lächerlich gemacht und getriezt. Bereits seit dem Mittelalter ist dies eine Art Ventil für das einfache Volk, seiner Unzufriedenheit Luft zu machen.
Der Karneval ist indes vor allem in den letzten Jahrzehnten in der BRD längst domestiziert und Teil der Unterhaltungsindustrie geworden. Die gerne propagierte Verkehrung von „unten“ und „oben“, die Übernahme der Regierung durch die Regierten in der „fünften Jahreszeit“, findet auch symbolisch kaum noch statt.

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

[Text: J.A.. Bild: upload.wikimedia.org/Kandschwar]