Noch vor gut 20 Jahren, als Österreich der Europäischen Union beitrat, hieß es in den etablierten Medien allenthalben: Es sei zwar schön, dass Österreich Mitglied des integrierten Europas werde, man müsse aber unbedingt darauf achten, dass nicht so etwas wie „deutscher Block“ innerhalb der EU entstünde. Und besonders kluge Analytiker wiesen darauf hin, dass die bislang schon überaus engen bundesdeutsch-österreichischen Wirtschaftsbeziehungen nunmehr im Rahmen der EU-Mitgliedschaft diversifiziert werden würden, also ihre Einzigartigkeit verlieren müssen.

Heute, 20 Jahre später, pilgert der österreichische Bundeskanzler in immer kürzer werdenden Abständen nach Berlin, um sich im Glanze von Mutti Merkel zu sonnen oder – bösartig ausgedrückt – um zur Befehlsausgabe anzutreten. Letzteres mag übertrieben sein, augenfällig ist aber schon, dass Österreich in wesentlichen Bereichen, wie etwa zuletzt bei der Griechenlandhilfe oder in der Flüchtlingsproblematik, eins zu eins die bundesdeutschen Vorgaben aus Berlin nachvollzieht. Dass in Berlin eine Christdemokratin regiert und am Wiener Ballhausplatz ein Sozialdemokrat, tut der Sache keinen Abbruch.

In den Medien, insbesondere jenen, die den spätlinken Zeitgeist vertreten, wird Deutschland auch immer öfter als Vorbild für Österreich genannt, etwa wenn es darum geht, den Riten des Pflichtantifaschismus zu frönen, die political correctness hundertprozentig umzusetzen und den vielzitierten „Kampf gegen Rechts“ zu frönen. Das jüngste Beispiel für diese zeitgeistige Form von Deutschtümelei stellt die sogenannte Willkommenskultur dar, die von progressiven Kräften in Österreich, insbesondere der linken Reichshälfte, geradezu frenetisch bejubelt wurde und wird. Im mehr konservativen Bereich gibt es natürlich nach wie vor die Achse CDU-CSU hin zur österreichischen Volkspartei. Die Erfolge der bundesdeutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik, die Budgetüberschüsse, die erwirtschaftet werden und die Stärke des Industriestandorts Deutschland sind naturgemäß für die österreichischen Christkonservativen und die heimische Wirtschaft viel bewunderte Vorbilder und gesuchte Partner. Dass man an diese deutschen Erfolge von österreichischer Seite gegenwärtig so gar nicht anzuschließen vermag, ist allerdings eine traurige Tatsache. Insbesondere, dass man in Wien meilenweit von einer soliden Haushaltspolitik entfernt ist, wie sie in Berlin Wolfgang Schäuble praktiziert.

Insgesamt bleibt natürlich das Verhältnis zwischen der Republik Österreich und der Bundesrepublik Deutschland sowie auch schon in den vergangenen Jahrzehnten neben den intensiven Wirtschaftsbeziehungen und dem Tourismus, vom kulturellen Austausch im Bereich der Medien und der Kommunikation geprägt.

 

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Bild: Andy Wenzel/BKA