„Handlungsunfähige Regierung abberufen“ 
FPÖ-Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer über die Lage im Land und seine Chancen, in die Hofburg einzuziehen

Herr Präsident, Sie wurden als einer von sieben Kandidaten der FPÖ nominiert, die Präsidentschaftswahl für die FPÖ zu bestreiten. Was bedeutet das für Sie?

Norbert Hofer: Das ist eine ganz, ganz große Aufgabe und eine große Ehre, weil natürlich die Freiheitliche Partei bei dieser Wahl ganz besonders große Chancen hat, ihren Kandidaten in die Stichwahl zu bringen. Und dann ist auch diese Wahl zu gewinnen. Deswegen also eine große Ehre, aber auch die Verpflichtung, alles zu geben, um am Ende dieser Wahl als Sieger vor die Öffentlichkeit zu treten.

Im Vorfeld, als es um die Diskussion ging, wen denn die Freiheitlichen nominieren würden, waren Sie eher zurückhaltend. Was hat Sie nun doch zu einer Kandidatur bewogen?

Hofer: Ich habe ganz, ganz viele Gespräche geführt mit Heinz-Christian Strache., aber auch mit Herbert Kickl und Ursula Stenzel. Diese drei waren fest davon überzeugt, dass es das Beste wäre, wenn ich antrete. Es war damals auch schon das überaus positive Echo in der Bevölkerung, sogar vieler älterer Menschen, das mich nach sorgfältiger Abwägung bewogen hat, zu kandidieren.

Sie haben das Alter angesprochen: Sie sind 20 Jahre jünger als der nächstjüngere Kandidat Rudolf Hundstorfer. Kann das Alter als solches nicht auch ein Motiv für Ihre Wahl sein.. Es gibt ja doch sehr viele junge Wähler.

Hofer: Ja, es ist ein Kriterium, und zwar deswegen, weil alle anderen Kandidaten bereits ein sehr reifes Alter erreicht haben. Da heißt, ich bin der einzige Kandidat, der etwas jünger ist und der wohl auch, wenn er gewinnt, zwei Amtsperioden, dienen könnte. Also ich glaube schon, dass das ein Kontrapunkt ist, wobei ich mir bewusst bin, dass dieses Amt mit großer Verantwortung verbunden ist. Ich bin jetzt schon so viele Jahre in wichtigen Funktionen aktiv, zum Beispiel hier im Nationalrat als Dritter Präsident; ich habe in meinem Leben einiges erlebt – ganz viele schöne Dinge und auch solche, die kritisch waren. Diese Erfahrungen bringe ich mit in dieses Amt. Ich glaube, das ist etwas, was ich auf der Habenseite verbuchen kann.

Also jugendlichen Leichtsinn wird man Ihnen, auch in Ihrer gegenwärtigen Position, kaum unterstellen können. Als Dritter Präsident sind Sie eigentlich der ranghöchste aller Kandidaten. Sie sind ja bereits jetzt Stellvertreter des Bundespräsidenten. Ist das vielleicht ein Startvorteil?

Hofer: Das ist bestimmt ein Starvorteil. Ich leite Nationalratssitzungen, ich leite immer wieder den Untersuchungsausschuss vertretungsweise. Auch dort können sich die Menschen überzeugen, dass ich diese Funktionen überparteilich wahrnehme. Das heißt, da kann jeder sicher sein, dass ich, obwohl der FPÖ zugehörig, mit einer ganz klaren politischen Linie in Fragen, wo Überparteilichkeit gefordert ist, das auch garantiere.

Die Überparteilichkeit dürften Sie bisher klar bewiesen haben. Auch die Stellungnahme sozialdemokratischer oder ÖVP-Parlamentarier Ihnen gegenüber ist eigentlich immer neutral bis positiv, während sie gegenüber anderen FPÖ-Politikern zumeist aggressiv vorgehen. Welcher Charaktereigenschaft verdanken Sie es, dass Sie mit allen können – oder zumindest mit sehr vielen?

Hofer: Das ist ganz, ganz schwierig zu beantworten. Ich habe irgendwann einmal beschlossen, ich weiß sogar, wann das war, ich war ein junger Gemeinderat in Eisenstadt – und ich habe davor immer sehr scharfe Attacken gegen den Bürgermeister geritten – ein ÖVP-Bürgermeister. Undnach meiner ersten Wahl, Einzug in den Gemeinderat, haben wir uns zusammengesetzt und das Gespräch war so positiv, dass ich mir gedacht habe, ich mache das jetzt anders: Ich bleibe scharf in der Sache, aber lasse die persönlichenAngriffe weg. Das mache ich jetzt schon viele Jahre und meine Gegner in der Politik wissen, dass man mich inhaltlich nicht biegen kann, aber sie wissen auch, dass ich sie niemals beleidigen werde – und das kommt dann auch immer so zurück.

Wenn Sie jetzt als Bundespräsidentschaftskandidat daran denken, was sind für sie die wichtigsten Aspekte des österreichischen Staatsoberhauptes, die wichtigsten Möglichkeiten, die er hat?

Hofer: In der jetzigen Situation ist es ganz wichtig, dass er als Oberbefehlshaber des Bundesheeres dafür Sorge trägt, dass das Heer so einsatzfähig ist, dass es unser Grenze schützen kann. Das ist derzeit oder schon seit Jahren nicht mehr der Fall, weil das Bundesheer seit vielen Jahren kaputtgespart wird. Österreich ist gerade in diesen unruhigen Zeiten massiv gefährdet. Da brauche ich nicht jemanden, der zum Gulaschkochen abkommandiert wird oder zum Busfahren, um jemanden zu transportieren – das können Busunternehmungen besser – sondern ich brauche Soldaten, die gut ausgebildet sind, gutes Material haben und auch gut bezahlt werden, damit sie wieder mit Begeisterung unser Grenze zu schützen.

Was müsste man ihrer Meinung nach machen, um das Bundesheer wieder auf einen Standard zu bringen, der einem neutralen Staat entspricht?

Hofer: Die jetzt vorgenommenen Reformmaßnahmen müssen sofort gestoppt werden. Die Kasernenverkäufe müssen gestoppt werden. Wir müssen jetzt in das Heer investieren und auch dafür Sorge tragen, dass junge Menschen sich wieder für den Beruf des Soldaten interessieren. Das heißt, man muss die Bezahlung wieder verbessern. Mein Vater war jahrelang beim Militär, zuerst bei der B-Gendarmerie, hat dann dort auch seine Matura gemacht und war dann als Soldat sieben Jahre lang dabei. Ich weiß, dass man damals als Soldat im Vergleich zur anderen Bevölkerung ganz vernünftig verdient hat. Das ist derzeit nicht der Fall. Dazu brauchen wir eine bessere Ausbildung und tatsächliche Milizübungen, die wieder durchgeführt werden. Es ist verantwortungslos, dass die Leute sechs Monate lang eine Ausbildung haben und dann nie mehr zu Übungen geschickt werden. Im Ernstfall sind diese Menschen schwerst gefährdet, was Leib und Leben anbelangt.

Es gibt eine Diskussion, den Grundwehrdienst aufzuwerten, sowohl was die zeitliche Dauer anbelangt, wie lange ein Grundwehrdiener zu dienen hat, als auch die Einziehung von Personen, um eben den Grenzschutz sicher zu stellen. Wie stehe Sie zu diesen Vorschlägen, die jetzt im Raum stehen?

Hofer: Also wenn es zu einer Krisensituation kommt, dann muss auch die Ausbildung im Grundwehrdienst verbessert werden und das wird wohl ein oder zwei Monate länger dauern. Das ist notwendig, weil ja auch die UNO-Soldaten so ausgebildet sein müssen, dass ihnen nichts passiert. Er gibt ja auch an der Grenze Situationen, die mit einer gewissen Gefahr verbunden sind. Da kann es durchaus notwendig sein, auch die Ausbildung zu verlängern.

Wo haben Sie selbst gedient?

Hofer: Ich habe in der „See Kaserne“ in Oggau gedient und war Korporal und auch im Grenzeinsatz.

Das heißt, Sie haben mehr als sechs Monate gemacht.

Hofer: Ich habe mich für ein Jahr freiwillig gemeldet, habe aber dann nicht fertig machen können, weil ich dann ein Stellenangebot als Flugtechniker bekommen habe. Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen, aber damals war ich überzeugt, dass es um den Beruf für mein künftiges Leben ging. Der Bundespräsident hat aber auch noch andere Aufgaben, als Oberbefehlshaber des Heeres zu sein. Er ist zum Beispiel für die Ernennung der Regierung zuständig. Jetzt hat Ihr Gegenkandidat Van der Bellen gemeint, er würde Strache nicht angeloben, er würde auch die FPÖ in der Regierung nicht haben wollen.

Haben Sie auch irgendwelche Ablehnungsabsichten wie Van der Bellen hat?

Hofer: Wichtig ist nicht, ob der Herr Van der Bellen Vertrauen hat, wichtig ist, ob die Wähler Vertrauen haben! Und wenn die Wähler entscheiden, dass eine Partei stärkste Kraft wird, dann ist für mich ganz klar, dass der Obmann oder die Obfrau dieser Partei beauftragt wird, die Regierungsverhandlungen zu führen. Da schließe ich niemanden aus.

Im Gegenzug die Frage, Sie würden auch ein Frau Glawischnig angeloben?

Hofer: Also wenn der sehr unwahrscheinliche Fall eintreten würde, dass die Österreicher sagen, die Grünen müssen stärkste Partei werden, da würde ich das tun. In kritischen Situationen, könnte der Bundespräsident auch die Regierung abberufen.

Wie würden Sie sich in so einer Krisensituation verhalten, wo die Regierung – wie es jetzt eben der Fall ist, offensichtlich nicht in der Lage ist, im Interesse Österreichs zu handeln?

Hofer: Also wenn eine Situation eintritt, wo die Bundesregierung ganz eindeutig handlungsunfähig ist und diese Handlungsunfähigkeit dem Land massiv schadet, dann muss der Bundespräsident nach meinem Amtsverständnis die Regierung abberufen. Das heißt auch in der jetzigen Situation, wenn die Bundesregierung jetzt nicht sehr rasch Maßnahmen setzt, um der VölkerwanderungHerr zu werden, der ungezügelten Völkerwanderung, die unser Land massiv betrifft, die den Sozialstaatauch vernichten wird, dann ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich sagen würde, so und jetzt muss ich die Regierung abberufen.

Inwieweit würden Sie als Bundespräsident sich verpflichtet sehen, im Rahmen der Europäischen Union für das Interesse Österreichs einzutreten.

Hofer: Es ist jetzt ein Zeitpunkt gekommen, wo sich ganz offensichtlich viele EU-Länder nicht mehr an die Verträge halten. Denken wir an Schengen oder an Dublin! Alles wird da gebrochen, und daher glaube ich auch, dass Österreich nicht immer das erste Land sein muss, das jeden Unsinn nachmacht, der von der Union vorgegeben wird. Auch die Briten zeigen uns ganz klar, dass eine selbstbewusste Haltung gegenüber der EU, die ja kein gottgegebenes Gebilde ist, dem Land hilft. Also das, was jetzt möglicherweise kommt, dass Menschen, die nach Großbritannien einwandern, erstnach vier Jahren Anspruch auf Sozialhilfe haben, erst nach vier Jahren Arbeit, diesen Weg, den verdanken wir einem selbstbewussten Auftreten der Briten. Das würde ich mir auch von Österreich wünschen!

Was könnte man in der gegenwärtigen Situation dem Herrn Faymann empfehlen, dass er Österreich aus der Krise führt?

Hofer: Also ich könnte ihm nur empfehlen, zurückzutreten und Neuwahlen zu machen, weil ich nicht den Eindruck habe, dass er – und ich habe persönlich überhaupt nichts gegen den Bundeskanzler – die Eigenschaften mitbringt, die ein Bundeskanzler in der jetzigen Situation benötigt. Er ist ein freundlicher Mensch, das sagt man mir auch nach, aber man muss natürlich auch mit der nötigen Härte die Entscheidungen treffen – und zwar unabhängig davon, welche Entscheidungen gerade von Frau Merkel kommen. Wir sind jetzt am Beginn des Wahlkampfes; Sie sind mehr oder weniger gerade erst gestartet.

Inwieweit können die Folgen ihrer Verletzung Sie in der doch sehr harten Maschinerie des täglichen Wahlkampfs beeinträchtigen?

Hofer: Also ich muss natürlich wegen der Folgen meiner Verletzung den Wahlkampf etwas anders gestalten. Ich habe auch ganz klar gesagt, wie ich mir die heiße Phase vorstelle. Was bei mir wegfallen wird, das sind nächtliche Wahlveranstaltungen. Bei mir ist um 22 Uhr Schluss. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass man nach 22 Uhr wirklich viele, viele Wähler überzeugen kann. Das ist eine reine Maßnahme, die ich setze. Ich brauche aber auch tagsüber, wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin, eine Stunde für mich, wo ich ein paar physikalische Übungen machen kann, aber ansonsten glaube ich, dass ich mindestens so leistungsfähig bin, wie die anderen Kandidaten, weil mir die Jugend zu Gute kommt. Ich habe mich aus dem Rollstuhl herausgekämpft – mit viel Kraft und viel Energie – und jetzt gehe ich mit der gleichen Energie in den Wahlkampf.

Sie haben eine relativ große Familie. Was sagt Ihre Familie dazu, dass sie jetzt mehr oder weniger kaum mehr zur Verfügung stehen, zumindest bis zum Wahltag?

Hofer: Na ja, bei meinen drei älteren Kindern ist es ja so, dass sie ja schon ihr eigenes Leben leben. Mein Sohn studiert Archäologie, meine Tochter arbeitet in Eisenstadt, mein zweiter Sohn ist Schüler in der HAK und meine jüngste Tochter kommt jetzt gerade in die Pubertät, sie wird jetzt 13 Jahre. Sie macht sich die meisten Sorgen, so quasi, wenn wir nach Wien übersiedeln, wie wird das sein, neue Freunde usw. Mein ältester Sohn verfolgt in den sozialen Medien, was sich gerade tut. Meine Tochter in ihrer Umgebung, bei ihren Arbeitskollegen hört sie ein bisserl mit, was die so sagen und mein zweiter Sohn erlebt das in der HAK. In allen diesen Bereichen ist das Echo sehr gut. Offensichtlich ist es so, dass dieser Wahlkampf der FPÖ zur Präsidentschaftswahl ganz, ganz viele Lebensbereiche erfasst. Ganz viele Menschen, die zu Hause bleiben wollten und uns noch nicht gewählt haben, wollen uns ihre Stimme gebe.

Es reicht ja bereits für die Stichwahl, wenn alle jene, die derzeit die FPÖ wählen würden; das sind über 30%, sich für Norbert Hofer entscheiden. Ich spreche damit die neuesten Umfragen an, Sie haben enorm aufgeholt, Sie sind bereits an zweiter Stelle in den Meinungsumfragen. Wohin führt das jetzt?

Hofer: Ja, man hat ja zuerst gesagt, er startet vom letzten Platz, und nach wenigen Tagen war ich bereits am zweiten Platz und ich kann Ihnen prophezeien, dass die Reise noch nicht zu Ende ist und dass die Umfragewerte noch weiter steigen werden. Von der Konstellation der Kandidaten haben Sie einen kleinen Nachteil: Es gibt zwei auf der linken Seite, Herrn Hundstorfer und Herrn Van der Bellen und drei auf der bürgerlichen Seite, das sind Sie, Frau Griss und Herr Khol. Also drei müssen sich den bürgerlichen Kuchen teilen und es sind nur zwei auf der linken Seite, die sich diesen Teil aufteilen können.

Glauben Sie trotzdem, dass Sie reüssieren und in die Stichwahl zu kommen?

Hofer: Ganz bestimmt, weil die zwei bürgerlichen Kandidaten mit ihren inhaltlichen Ausrichtungen viele bürgerliche Wähler verschrecken. Khol, der ganz klar in einer Rede zu den Moslems gesagt hat, Ihr seid die Zukunft Österreichs. Diese Meinung kann ich nicht teilen. Frau Griss sagt, dass sie das Abstimmungsergebnis der Menschen zur Wehrpflicht nicht zur Kenntnis nimmt. Sie weiß das besser. Man wird sehen, je mehr Zeit vergeht im Wahlkampf, desto mehr werden die anderen Kandidaten im Nachteil sein. Ich bin da sehr zuversichtlich!

Sie haben gesagt, dass ihre Familie sehr positiv Ihrer Kandidatur gegenüber steht. Es gibt aber noch eine zweite Gruppe, die unmittelbar davon betroffen ist, das sind die burgenländischen Freiheitlichen. Sie verlieren ihren Spitzenmann, den sie jetzt im Nationalrat haben.

Hofer: Ja, bisher haben sie sich sehr gefreut, dass ich kandidiere. Es ist schon im Burgenland etwas ganz Besonderes, wenn ein Burgenländer diese Wahl gewinnt. Das ist aber auch für die Freiheitlichen eine große Ehre, dass ich kandidiere. Auch das ist schon eine ganz, ganz wichtige Sache.

Dann wünsche ich Ihnen alles Gute!

Das Gespräch führte Walter Tributsch.

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