Die USA provozieren China. Bis auf zwölf Seemeilen näherte sich der Zerstörer „USS Lassen“ den Spratley-Inseln im Südchinesischen Meer, die Peking als sein Staatsgebiet betrachtet und auf die auch Vietnam, Taiwan, die Philippinen, Malaysia und die Brunei Gebietsansprüche erheben. Während China, das einige Riffe der Spratley-Inseln zu künstlichen Inseln ausbaut, von Washington eine Entschuldigung verlangt, legen die Vereinigten Staaten nach. Washington kündigte die Entsendung von weiteren Kriegsschiffen in die Region an, und bereits Mitte Oktober erklärte US-Außenminister Ashton Carter: „Die USA werden fliegen, segeln und operieren, wo immer es das Völkerrecht erlaubt, und das Südchinesische Meer ist keine Ausnahme und wird es auch nicht sein.“

Washington rechtfertigt seine Aktion mit der „Freiheit der Schifffahrt“, die es zu schützen gelte. Naturgemäß anders sieht Peking die Angelegenheit. Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua spricht von einem „böswilligen und schändlichen Spiel mit dem Feuer, um auf der Türmatte Chinas die Muskeln spielen zu lassen und Washingtons beherrschende Präsenz in der Region wieder geltend zu machen – zum Preis, mehr Unsicherheit in die regionale Stabilität zu bringen“. Zudem wird auf die Bedeutung des Gebietes für die internationale Handelsschifffahrt sowie für China selbst hingewiesen.

Und genau deswegen wollen sich die USA mehr im Südchinesischen Meer engagieren, wobei die „Freiheit der Schifffahrt“ den billigen Vorwand bildet. Sean Liedman, ein ehemaliger hochrangiger Kommandeur der US-Marine, macht darauf aufmerksam, dass Schätzungen zufolge mehr als 50 Prozent des weltweiten Erdöltransports mit Tankern durch das Südchinesische Meer gehen und dass sich dort mehr als die Hälfte der zehn weltweit wichtigsten Verladehäfen befinden, weshalb „die Freiheit der Schifffahrt von herausragender Bedeutung für alle Staaten in der Region ist“. Washington will mit seinen Kriegsschiffen insbesondere seinen Verbündeten Taiwan und den Philippinen moralische Unterstützung im Inselstreit mit China zukommen lassen.

Neben militärischen Muskelspielen gegenüber dem aufstrebenden Reichs der Mitte geht es den USA auch um die Verfolgung eigener Wirtschaftsinteressen. Im Boden unter dem Südchinesischen Meer lagern laut der US-Energienformationsbehörde (EIA) acht bis 14 Millionen Tonnen Öl und 28 bis 56 Milliarden Kubikmeter Gas. Der Analyst Shen Zewei aus Singapur bezeichnete das Südchinesische Meer sogar als „zweiten Persischen Golf“.

 

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Bild: Mass Communication Specialist 2nd Class Clifford L. H. Davis/US-Navy/wikimedia.org