Als kulturkritischer Reaktionär von Welt weiß man, was man an seinen Lateinern hat – für jede gesellschaftliche oder politische Lebenslage findet sich ein Merksatz, der die Lage beschreibt. Zu ähnlich scheinen sich die Systeme und die ihnen innewohnenden Mechanismen bzw. degenerativen Prozesse zu sein.

Durch die Zeiten und Systeme ändert sich die conditio humana eben nicht, auch wenn das die Linke nicht zugeben kann. Auch wenn der Satz Mundus vult decipi, ergo decipiatur – Die Welt will betrogen sein, also werde sie betrogen womöglich erst der beginnenden Neuzeit entstammt, beschreibt er die Verzweiflung über die menschliche Anlage zur Selbsttäuschung doch trefflich.

In den Ländern des Westens, in Europa und den USA, sind die Verhältnisse in den letzten Jahren ins Tanzen gekommen – „sicher“ prognostizierte Wahlentscheidungen, Brexit, Trump/Clinton, fielen dann doch anders aus als erwartet. Die Systemerhalter in Brüssel schauderten vor möglichen Wahlsiegen systemkritischer Parteien in Deutschland, Frankreich oder Österreich.

Als Exit-Strategie wurde nun der „unabhängige“ Kandidat aus dem Hut gezogen, der die Abwanderung der zunehmend frustrierten Bürger zu (rechtspopulistischen) Protestparteien verhindern sollte bzw. übernahmen nun auf einmal etablierte Parteien Konzepte ihrer zuvor jahrelang systematisch als Faschisten, Rassisten und Neonazis denunzierten Gegner. Die Strategie ging zunächst in den Niederlanden auf, als der dortige – bereits zuvor eher rechts gepolte – Ministerpräsident Rutte die Wähler mit einem Anti-Türkeiwahlkampf hinter sich scharen konnte. Die einstmals stolze Sozialdemokratie wurde vernichtet, die rechten Parteien gestärkt.

Eine echte politische Veränderung ist freilich nicht zu erwarten – auch weil man sich seit mittlerweile fünf (!) Monaten nicht auf eine Regierung einigen kann. In Frankreich hingegen inszenierte man – gegen einen nicht immer glücklich agierenden Front National – das Märchen vom unabhängigen Kandidaten, der, gleichsam aus dem Nichts kommend, die Republik retten würde.

Dabei liest sich die Biografie Emmanuel Macrons wie ein Karriere-Lehrbuch für Angehörige des Establishments, École nationale d’administration in Straßburg, Finanzverwaltung, Investmentbanker und Partner bei Rothschild & Cie in Paris und Wirtschaftsminister unter Hollande.

Dass es den Medien gelungen ist, diesen Kandidaten, dessen einzige „Originalität“ ein Faible für ältere Damen zu sein scheint, als einen Mann des Volkes darzustellen, ist tatsächlich erstaunlich. Macrons Beliebtheitswerte sind im Übrigen bereits wieder auf rasanter Talfahrt.

In Österreich wird nun ein Modell gezimmert, das Versatzstücke aus beiden Strategien beinhaltet. Wie Macron geriert sich Sebastian Kurz, trotz jahrelanger Mittäterschaft in den Regierungen Faymann und Kern, als „Unabhängiger“ – der sich die ÖVP zurechtklopft.

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

 

[Bild: Jeso Carneiro/flickr]