Der niederländische Finanzminister und Chef der Euro-Gruppe Jeroen Dijselbloen hatte 2014 den damaligen Kandidaten für den Posten des Kommissionspräsidenten der Europäischen Union, Juncker, als „verstockten Raucher und Trinker“ bezeichnet. Was damals als gänzlich unbedenklich durchging, wird heute, anlässlich eines konkreten für jedermann auf „Youtube“ ersichtlichen Vorfalls (https://www.youtube.com/watch?v=Ia-GaZjbNaM) zum staatspolitischen Skandal hochstilisiert.

Der Unterschied: Damals war es ein Sozialdemokrat (Dijselbloem), heute sind es FPÖ-Politiker, die gegen Juncker den Vorwurf eines für seine Position bei einem öffentlichen Anlass gezeigten unwürdigen Verhaltens erhoben hatten.

Der FPÖ-EU-Parlamentarier Harald Vilimsky hatte von Juncker den Rücktritt verlangt, weil er mit seinem Verhalten die „EU zur Lachnummer“ mache. Die Empörung bei den Brüsselfetischisten Othmar Karas und Johannes Hahn (beide ÖVP) ist ja noch verständlich, schließlich kommen beide aus dem gleichen EU-Stall wie Juncker (EVP).

Was allerdings kurios erscheint, ist, dass Van der Bellen auch dieses Fettnäpfchen nicht auslässt und sich in einem offiziellen Interview mit den Vorarlberger Nachrichten über Vilimsky und die österreichische Bundesregierung auslässt: Die Forderungen Vilimskys seien „unflätig“ und „es schade dem Ansehen Österreichs“, dass die Regierung diese nicht entsprechend verurteile, hatte er sinngemäß erklärt.

Ein seltsames Demokratieverständnis des österreichischen Bundespräsidenten.

Warum soll ein EU-Parlamentarier nicht aussprechen dürfen, was offensichtlich ist? Auch wenn die EU-Kommisssion das Torkeln Junckers mit Ischiasproblemen erklärte, so kann sich doch die ganze Welt über das Youtube-Video überzeugen, dass dem wohl nicht so sein kann. Jeder, der schon einmal Ischiasprobleme gehabt hat, weiß, dass man sich in so einem Fall schmerzverzerrten Gesichts an den Rücken greift. Davon war bei Juncker nichts zu sehen. Er lächelte in seinem torkelnden Zustand die ihn umgebenden Politiker an und versuchte sie, wie es so seine Art ist, mit freundschaftlichen Scherzen und Gesten zu unterhalten.

Wenn sich Van der Bellen in die Tagespolitik einmischen will, dann sollte er wenigstens dort Kritik üben, wo sie angebracht ist – nämlich an dem Verhalten des EU-Kommissionspräsidenten.

[Text: W.T.; Bild: Wikipedia.org/European Commission/Aron Urb; Lizenz: CC BY 2.0]