Die laizistische türkische Opposition sowie Frauenrechtsgruppen sind über ein Dokument des staatlichen Religionsamtes Diyanet empört. Darin wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nach islamischem Recht Mädchen bereits mit neun Jahren und Buben mit zwölf Jahren heiraten dürfen. Zwar sieht das türkische Recht bei Eheschließungen ein grundsätzliches Mindestalter von 18 Jahren vor, aber dennoch sind, insbesondere auf dem Land, Kinderehen weit verbreitet. Oft werden Minderjährige, in der Regel Mädchen, in Form von islamisch-religiösen Zeremonien verheiratet.

Heftige Kritik am Diyanet übte Murat Bakan, ein Abgeordneter der Republikanischen Volkspartei (CHP), die in der laizistischen Tradition von Staatsgründer Atatürk steht, über Twitter: „Das türkische Zivilrecht stellt eindeutig fest, dass das Erwachsenenalter mit 18 Jahren beginnt. Frühere Heiraten verletzen Kinderrecht, Frauenrechte, Menschenrechte. Als CHP-Abgeordnete fordern wir das Parlament auf, Kinderehen zu untersuchen.“

In einer späteren Stellungnahme redete sich das Religionsamt aus, es hätte bloß islamisches Recht definiert und nicht Kinderehen gutheißen wollen. „Ein junges Mädchen zu zwingen, jemanden zu heiraten, bevor sie die psychologische und biologische Reife erlangt hat, und bevor es die Verantwortung zur Gründung einer Familie und Mutter zu werden erreicht hat, wäre nicht mit dem Islam vereinbar, der für eine Ehe Einverständnis und Willen als Bedingung vorsieht“, ruderte das Religionsamt, das von der islamistischen Regierungspartei AKP kontrolliert wird, zurück.

[Text: B. T.; Bild: Wikipedia Yükleyenin kendi çalışması]