„Ideologisch gesehen ist die Verherrlichung von Gewalt eher rechte Gesinnung. Schwarzer Block und Hooligans sind Kriminelle – keine Linken!“, resümierte der SPD Bundesvize Ralf Stegner nach dem Antifaterror, der Hamburg an diesem ersten Juliwochenende brennen ließ. Den Begriff „Antifa-“ vermied er freilich tunlichst, nachdem Stegners Sohn Fabian erst Mitte Februar bei einer Antifa-Demonstration gegen das neurechte Institut für Staatspolitik gesichtet wurde. Dass Politiker wie Stegner eine derartige Kindesweglegung betreiben, ist weder ungewöhnlich, noch verwunderlich, sind es doch in erster Linie Anhänger von Parteien wie der SPD, den Grünen oder der Linken, die sich zu derartigen Ausschreitungen zusammenrotten.

Dass jene irrwitzige Argumentation, die plump darauf hinausläuft, dass alles, das der eigenen, politischen (linken) Reputation schadet, nur von der (rechten) Gegenseite kommen kann, von ebendieser Seite bekräftigt wird, ergibt wiederum keinen Sinn, ist aber unter vielen eher rechts gerichteten Politisierern mittlerweile eine gängige Argumentationspraxis – wenn auch unbewusst. Definitionen schaffen Realitäten. Während sich Demagogen wie Stegner bewusst in einer absurden Umdeutung der Realität versuchen, indem sie ein Weltbild zeichnen, in welchem links-außen vermutlich für ein Konglomerat aus einem Arbeiterlieder singenden Kinderchor, übersättigten Nadelstreifgewerkschaftern und fast ebenso pazifistischen 70er-Jahre Hippies mit VW-Bussen, steht und rechts der gänzlich vermummte Unbekannte, der ebendiese Gefährte in Brand steckt, sehen Rechte den Zeitpunkt ihrer Erlösung vom ewigen Nazivorwurf gekommen.

Bei jeder gewalttätigen Antifa-Ausschreitung – so sie Erwähnung in den Massenmedien findet – geben sie sich Urteilen hin wie: „Antifa – die neue SA“, schwadronieren über den himmelschreienden „Linksfaschismus“ und verbreiten auf sämtlichen, sozialen Medienplattformen die immerselbe „Frohbotschaft“: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘“, die dem italienischen Kommunisten Ignazio Silone zugeordnet wird, und schlagen damit in die selbe Kerbe wie Stegner. Zu Ende gedacht, steht „das Böse“ rechts und die paar Schenkelklopfer, die die Wortwitze rund um die „SA-ntifa“ einbringen, rächen sich.

Die jahrzehntelange Berieselung, die dem geschichtskanalorientierten Fernsehkonsumenten eintrichtert, dass im weiteren Sinn der Faschismus und im engeren Sinn der Nationalsozialismus das absolut schlimmste Ereignis in der Menschheitsgeschichte ist, hat ihre Spuren hinterlassen. Während sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten Abendprogramm die hundertste Dokumentation der Marke „Zeitzeugenberichte: Endlich bricht auch der Neffe des Arztes von Adolf Hitlers Friseur sein Schweigen“ in den deutschen Wohnzimmern flimmert, finden die Roten Khmer, Mao Zedong, die Stalinschen Säuberungen oder das Massaker von Katyn kaum eine Beachtung.

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

 

[Bild: strassenstriche.net/flickr]