Ernst Jünger (1895–1998) bekam nach Kriegsende Publikationsverbot, da er den Entnazifizierungsbogen nicht unterfertigt hatte – Jüngers Begründung: „Den Hut, den ich mir nicht aufsetze, den muss ich auch nicht abnehmen.“ 1949 erst kam auf den Markt, was sich in den vergangenen Jahren angestaut hatte: das Kriegs- & Nachkriegstagebuch „Strahlungen“, ein stattliches Werk vonüber 600 Seiten und „Heliópolis. Rückblick auf eine Stadt“, die umfangreichste Erzählung des Autors.
Ewald Katzmann, der Verleger, hatte sogar seine gleichnamige Firma in „Heliopolis-Verlag“ unbenannt. Doch der erwartete Erfolg blieb aus: Die „Zeit“ verriss das Buch, der „Spiegel“ nahm kaum davon Notiz und der Verkauf verlief schleppend.
Doch nicht nur die veröffentlichte Meinung war ernüchternd, auch privat enttäuschte das Buch: Carl Schmitt deutete in seiner Erbitterung über seine eigene Rolle im „Dritten Reich“ die „Parsen“-Kapitel als autobiographische Reinwaschung Jüngers und ging auf Tauchstation, indes Gerhard Nebel dem Autor unverblümt ins Gesicht schrieb, der Roman sei „als Kunstwerk misslungen“, die „Teile rebellieren gegen das Ganze“, worauf Jünger den Briefkontakt für ein Jahrzehnt auf Eis legte. Nebel muss wohl das kürzeste, doch wichtigste Kapitel des ganzen Buches überlesen haben: „Ortner über den Roman“. Darin entwirft Jünger eine völlig neue Konzeption des deutschen Romans und setzte die Theorie mit dem Buch selbst auch gleich in die Tat um. Er brach mit dem bürgerlichen Bildungsroman und seinem naturalistischen Wirklichkeitsanspruch ebenso gnadenlos wie mit der leeren Utopie, die sich ausschließlich der Phantasie des Schriftstellers verschreibt. Das Ergebnis ist „Heliopolis“, ein „großartiger Roman“ (Jünger- Biograph Kiesel), der gemeinsam mit „Eumeswil“ (1977) ein Genre repräsentiert, das offenbar nur Ernst Jünger selbst zu bespielen verstand.
„Zwei Qualitäten bilden den Roman: die eine ruht im Autor und seiner Freiheit, die andere in der Welt und ihrer Notwendigkeit. (…) Aus dieser Deutung folgt, daß der Roman im besten Falle Gleichnis werden kann, da weder Autarkie, das heißt vollkommene Freiheit, noch Einsicht in das Weltganze dem Autor verliehen ist. (…) Der Leser ist in und außerhalb der Welt zugleich.“ Und dieser Maxime versucht Jünger in seinen Erzählungen stets zu genügen. Kein bürgerlicher Realismus à la Gerhart Hauptmann und kein Bildungsroman à la Thomas Mann. Auch keine wirklichkeitsfremde Utopie.
Denn in einer „Zeit, in der wir die Gesellschaft vernichtet sehen und der Kosmos, obwohl wir tief in ihn eingedrungen sind, sich uns als Hort des Fürchterlichen offenbart (…), führt der Realismus unausweichlich zum Nihilismus, der Idealismus zur leeren Utopie.“

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[Text: A. L.; Bild: Rolf Schilling/wikipedia.org Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International]