Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Sonntag auf einer Veranstaltung in Istanbul gegen die Absage von Auftritten türkischer Minister in Deutschland gewettert. Diese Handlungen seien „nichts anders als das, was in der Nazi-Zeit getan wurde“.

Der aufmerksame Westeuropäer staunt: Herr Erdogan prahlt hier mit profundem historischen Wissen, seine Absicht scheint eindeutig: Dieser kleine Hobbyhistoriker des großen Osmanischen Reiches, europäische Geschichte im Hauptfach, will den Westen beeindrucken. Ist das sein Brückenschlag nach Europa? Er weiß zum Beispiel, dass „Nazis Wahlkampfauftritte untersagt hätten“. Das sitzt! Angesichts dieser bislang unbekannten, nach akribischem Quellenstudium ans Tageslicht beförderten historischen Tatsache reagiert die deutsche Medienwelt in gewohnter Manier: Rechtfertigungen (ja, man fühlt sich doch ein bisschen ertappt), Kommentare hier und dort und eine Talkshow bei Anne Will.

Dort mahnte der deutsche Justizminister Heiko Maas dazu, sich nicht provozieren zu lassen. Offenbar gehe es Erdogan gar nicht mehr um Wahlkampf für das Referendum über die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei. „Es geht ihm jetzt darum zu provozieren. Und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht provozieren lassen“, sagte Maas. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz begnügte sich mit einem Kommentar von „absolut jenseits.“

Was Erdogan allerdings nicht weiß, ist, dass die Nazi-Totschlagkeule heute niemand mehr hinter dem Ofen hervorlockt und schlicht und einfach ausgedient hat. Man begegnet solch wirren Buchstabenkonstellationen nur mehr mit einem müden Lächeln. Das dürfte sich aber noch nicht bis in den hintersten geographischen Winkel der Türkei herumgesprochen haben. Aber Vorsicht Herr Erdogan! Sie werden von Ihren Anhängern gerne „Anführer“ genannt, Ihre Fähigkeit, Menschenmassen zu begeistern, erinnert frappant an ehemals westeuropäische Verhältnisse, und ihre Veranstaltungen versinken in einem Fahnenmeer! Hier haben sie vielleicht etwas zu intensiv historisches Quellenstudium betrieben. Und bevor Sie nächstes Mal in den Spiegel schauen, seien Sie beruhigt: Der Bart sitzt perfekt in seiner Form. Die Farbe gleicht allerdings schon der eines grauen Wolfs.

 

[Text: B. H.; Bild: Ministerio de Relaciones Exteriores/flickr]