Der einst als Nachfolger seines Vaters Muammar gehandelte Saif El-Islam Gaddafi wurde nach fünf Jahren Haft freigelassen und steht im Begriff, den libyschen Staat neu aufzubauen. Unterstützung erhält er dabei von den Sintan-Milizen, die ihn einst festsetzten. Diese anti-islamistischen Kämpfer aus der gleichnamigen Stadt in Westlibyen sind Berber, die sich in ihrer Region trotz zahlreicher arabischer Eroberungsversuche halten konnten. Im Gegensatz zur sunnitisch-arabischsprachigen Mehrheitsbevölkerung hängen sie dem ibaditischen Islam an, dessen Lebensweise gemäßigt und gegenüber Andersgläubigen tolerant ist.

Im Zuge einer Aushebung in ihrem Gebiet während des Bürgerkrieges stellten sich die von Gaddafi Senior lange unterdrückten Berber gegen den Herrscher und waren dann maßgeblich an dessen Sturz sowie der Eroberung von Tripolis beteiligt. Heute bilden ihre Milizen, die mit der säkular orientierten Gegenregierung unter General Chalifa Haftar im ostlibyschen Tobruk verbündet sind, eine der stärksten Machtgruppen im Lande.

Als sich Saif 2011 nach der brutalen Ermordung seines Vaters nach Innerafrika absetzen wollte, wurde er von ihn verfolgenden Sintanern im Fezzan gefangengesetzt und in ihre Heimatstadt gebracht, wo man bald Gemeinsamkeiten entdeckte. 2015 verurteilte ihn ein Gericht der islamistischen Zentralregierung in Tripolis in Abwesenheit zum Tode, die Milizen lehnten jedoch seine Auslieferung ab. Seit 2016 durfte er sich im Ort frei bewegen. Anfang 2017 veröffentlichte er ein Manifest, in dem er die Gründung einer „Volksfront zur Befreiung Libyens“ bekanntgab, die sich gegen die Islamisten wendet und einen Rat der Stämme sowie ein Parlament wählen lassen will, um eine neue Verfassung auszuarbeiten. Jetzt erfolgte seine formale Freilassung im Rahmen eines Amnestiegesetzes des Parlaments in Tobruk, dem sich die Sintaner damit formal unterstellen.

Schon zuvor hatte sich Adschmi Wattara, jener Offizier, der den Gaddafi-Sohn einst in den Fezzan verfolgte, nachdrücklich für dessen Rückkehr in die libysche Politik ausgesprochen: Schließlich würden mehr als zwei Drittel aller Libyer der Gaddafi-Zeit nachtrauern, und es wäre Zeit, an diese anzuknüpfen.

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[Bild: Sludge G/flickr]