Wie weit die Church of England politischer Korrektheit und Zeitgeist verpflichtet ist, beweist der Bischof von Liverpool, Paul Bayes. Der anglikanische Würdenträger fordert nichts anderes als eine Neuinterpretation jener Bibelstellen, die sich mit der Homosexualität befassen. Denn es sei eine „harte Tatsache, dass die Kirche bei der Missachtung von Homo-, Bi- und Transsexuellen eine Rolle spielte und immer noch spielt“. Daher glaube er daran, die Anglikanische Kirche brauche einen „Wandel“.

Mit einem „Wandel“ meint Bayes nichts anderes als eine Anpassung von Bibelstellen an den Zeitgeist: „Meiner Meinung nach sind einige einschlägige biblische Texte nicht geschlossen, sondern offen – insbesondere wenn wir uns mit den Texten und ihrem Zusammenhang befassen“. Gegenüber dem „Guardian“ erklärte der Bischof auch, in welche Richtung die Reise für die Anglikaner gehen soll. Die Church of England müsse „vertrauensvoll die Bibel lehren, aber auch vertrauensvoll gegenüber der Kultur sein, in der wir leben.“

Die Ansichten Bayes’ sind keine Einzelmeinung, sondern finden in den höheren Rängen der Church of England zunehmend an Zustimmung. Laut „Russia Today“ tritt ein Dutzend prominenter Kleriker, darunter zwei Bischöfe, der Dekan der St. Pauls-Kathedrale in London sowie zwei Erzdiakone dafür ein, homosexuelle Beziehungen zu „bejahen“. Und im Jänner behauptete Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury und geistliches Oberhaupt der Kirche von England, eine Spaltung seiner Religionsgemeinschaft wegen der Haltung zur Homosexualität wäre „kein Desaster“. In den USA ist seit 2003 ein offen homosexueller anglikanischer Bischof im Amt.

 

[Text: B. T.; Bild: FloNight(Sydney Poore)/wikimedia.org]