Ingrid Caven ist zumindest beruflich weit entfernt davon, eine „Deutsche“ zu sein: Sie lässt sich nicht festlegen. Vielmehr changiert sie in der Tradition Marlene Dietrichs zwischen Schauspiel und Gesang und wird auch in Frankreich, wo sie seit Jahrzehnten lebt, als Chansonette wahrgenommen – viel resonanter als in ihrem Heimatland Deutschland. Verständlich, ist Frankreich doch unbestritten das Land des Chanson, wie Wien etwa jenes des Couplets. Piaf und Brel, Aznavour und Ferrat, Trenet etc.

Was aber ist eigentlich ein Chanson? Seine Wurzeln liegen im Volkslied und im Minnesang, gewürzt mit einer Prise Operette des ausklingenden 19. Jahrhunderts. Das Chanson ist unabhängig von einer Rahmenhandlung, steht also für sich und ist – wie Michael Heltau richtig sagt – „Welttheater in drei Minuten“. Es ist ebenso weit fern von der Idylle der Operetten und von der Handlungsarmut des Volksliedes wie von der Niveaulosigkeit des Schlagers. Das Chanson erzählt eine Geschichte, es steigert sich häufig im Laufe der Musik bis zur Peripetie, wo es entweder abbricht oder ausläuft – ist also nicht wellenförmig.

Marlene Dietrich hat es nach Deutschland gebracht und Hildegard Knef und Caven haben es dort gefestigt. Diese Chansons aber waren „deutsch“, hatten ihren ganz eigenen Charakter. Erst in den 70er Jahren wurde schließlich auch der original-französische Musikcharakter des Chanson in die deutschsprachige Musikwelt übertragen – durch den wunderbaren Micheal Heltau, in dessen Liedercircus auch Ingrid Caven mehrmals auftrat und durch ihre blecherne Vibrato-Stimme ihren ganz eigenen Gesangsstil festigte. Die Stimme einer Chanteuse nämlich soll, ja darf nicht schmelzig und kräftig sein. Es sollte die Stimme eines Klagenden, eines Jubilierenden, eines Sterbenden, eines Zürnenden erklingen – je nach Text, denn Chanson ist eben Theater.

Die geborene Saarbrücknerin, die ihre ersten Schritte auf die Bühnenwelt mit Liedern von Schubert und Brahms wagte, studierte anschließend Kunstgeschichte, arbeitete als Lehrerin, heiratete Fassbinder, in dessen Filmen sie auch mitwirkte, bevor sie sich schließlich hauptsächlich dem Chanson verschrieb. Damit feierte sie vor allem auch in Frankreich große Erfolge.

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia.org/Holger.Ellgaard; Lizenz: CC BY-SA 3.0]