Warum gründen Juden in der AfD eine eigene Gruppierung? Was war der Anlass? Wo sehen Sie ihre Aufgaben?
Artur Abramovych: Die unmäßige Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung des Judentums und seiner tatsächlichen Gestalt wurde für unsere Mitglieder zunehmend unerträglich. Insbesondere in der Bundesrepublik sieht man im Juden noch immer die Inkarnation des Entwurzelten, der dementsprechend solidarisch sein müsse gegenüber allen übrigen Entwurzelten; die Realität ist weit entfernt davon, wo es doch kaum ein Volk gibt, dessen Sehnsucht nach Sesshaftigkeit so groß ist wie die des jüdischen, das daran glaubt, von Gott ein bestimmtes, heiliges Territorium erhalten zu haben. Daher hat der redliche Jude auch großes Verständnis für den Wunsch jeden anderen Volkes, sein angestammtes Gebiet für sich zu behalten. Unsere Aufgabe besteht in erster Linie darin, das Bild des Judentums einerseits gleichsam zurechtzurücken und andererseits die folgerichtige Affinität zwischen Judentum und patriotischen Bewegungen in Europa zu betonen. Die Reaktionen der Presse haben uns in der Überzeugung bestärkt, dass dergleichen in der Bundesrepublik längst überfällig war. In Österreich dürfte die Situation hingegen eine andere sein, wo doch zum Beispiel der einzige jüdische Mandatar im Nationalrat, Herr David Lasar, in der FPÖ-Fraktion zu finden ist.

Wer konnte sich an der Gründung beteiligen, wie viele Mitglieder haben Sie?
Artur Abramovych: Es waren 19 Gründungsmitglieder anwesend, 5 Frauen und 14 Männer. Weitere fünf Gründungsmitglieder waren leider verhindert. Organisatorisch konnte sich jeder einbringen, der uns unterstützen wollte. Jede helfende Hand wurde gebraucht, und viele nichtjüdische Parteimitglieder haben uns auch tatkräftig unterstützt. Wie reagieren Juden in den Gemeinden auf Ihre Initiative? Was sagen Sie zu den Vorwürfen des Zentralrates der Juden in Deutschland gegen Sie? Die Reaktionen jüdischer Deutscher außerhalb der Partei sind bei weitem angenehmer als die Reaktionen nichtjüdischer Deutscher, zumal unter den hiesigen Juden der Anteil an AfD-Wählern weit höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Auch manche Gemeindevorsteher haben uns unter der Hand ihre Sympathie versichert. Freilich besteht ein großer Konformitätsdruck von oben, der zu abstrusen, schrillen Vorwürfen bis hin zu Verleumdungen (etwa als ‚Stinktiere‘ von Seiten des Vorsitzenden der Offenbacher Gemeinde) führt. Wir halten diese Umstände für sehrbedauerlich, gehen aber davon aus, dass es nicht mehr lange dabei bleiben wird.

Haben Sie den Eindruck, dass der Antisemitismus in Deutschland wächst. Wenn ja, aus welcher Ecke?
Artur Abramovych: Aus zweien: der muslimischen einerseits und der linken andererseits. Nicht nur die Masseneinwanderung treibt viele Juden zur AfD, sondern ebenso sehr die zunehmende Feindseligkeit der politischen Linken gegenüber den lebenden Juden, mag sie auch mit einergroßen Empathie und womöglich sogar Überidentifi kation mit den jüdischen Opfern der Schoa einhergehen. In diesen Zusammenhangist insbesondere die Finanzierung „palästinensischer“ Terrororganisationen unter dem Deckmantel der Flüchtlings- und Entwicklungshilfe auf Kosten des deutschen Steuerzahlers zu nennen, deren Ende nicht in Sicht zu sein scheint, zumal Merkel diebundesrepublikanischen Zahlungen an die UNRWA jüngst wieder erhöht hat.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland beklagt ein Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland. Er hält sich jedoch auffällig zurück, wenn es um islamische Judenfeindlichkeit geht. Aus welchem Grund, denken Sie, handelt der Zentralrat so?
Artur Abramovych: Der Zentralrat wird aus denselben Mitteln fi nanziert wie die Landeskirchen und Diözesen; daher waren wir keineswegs überrascht von den Aussagen einzelner Funktionäre. Die von Staatsgeldern finanzierte Demonstration des Zentralrats und der JSUD, die am Tag unserer Gründungsversammlung in Frankfurt/Main stattfand, hat uns dann freilich doch überrascht, da wir nicht damit gerechnet hatten, derart deutlich attackiert zu werden, und außerdem ein möglichst entspanntes Verhältnis zum Zentralrat angestrebt hatten. Wie ich aber bereits angedeutet habe, wird bei einer politischen Wende ein Umdenken im Zentralrat nicht lange auf sich warten lassen; man wird es sich dann getrauen, den muslimischen Judenhass zu thematisieren, ohne ihn zu verharmlosen, und auch bei der Zurschaustellungvon Solidarität mit Israel weniger Rücksicht nehmen müssen auf linke Antizionisten, die den politisch-medialen Komplex bislang noch weitgehend beherrschen.

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[Das Gespräch führte: Anton Schmitt; Bild: AfD ]