Militärputsche haben in der Türkei Tradition: 1969, 1971 und 1980 haben die Militärs die Regierungen abgesetzt. Militär und Türkei, das ist eine besondere Beziehung auch bezüglich des westlichen Verteidigungsbündnisses NATO, die de facto auch das EU-Militärbündnis darstellt. Mit 500.000 Soldaten ist die türkische Armee nach der US-amerikanischen die zweitgrößte der NATO, die für sich in Anspruch nimmt, „an der Schaffung einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung im euro-atlantischen Raum mitzuwirken“. Die türkische Armee steht in der Tradition, Hüterin der Ideale des Staatsgründers Kemal Atatürk zu sein und für eine strikte Trennung von Religion und Staat einzutreten. Es häuften sich in den letzten Jahren allerdings Berichte, dass die neue politische Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung AKP bemüht ist, den Primat der Politik über die Armee herzustellen und auch Einfluss auf die Personalauswahl und -rekrutierung der hohen Dienstgrade zu nehmen.

Die Bewegungen nach Fethulla Gülen und Millî Görüs streiten beide für eine türkisch-islamische Weltmacht, bekämpfen sich aber gegenseitig. Der Prediger Fethulla Gülen (geb. 1938), der von Pennsylvania/USA aus ein international agierendes Netzwerk (millionenstarke Gemeinde Cemaat) mit Schulen in 140 Ländern dirigiert, ist ein früherer Weggefährte Recep Tayyip Erdogans. Er setzt zentral auf Bildung und kümmert sich um die diesbezügliche Infrastruktur. Gülen hat sich als Kommunistenhasser in den USA schon seit Jahrzehnten profiliert, auch war Gülen ein willkommener Partner, als die USA in den 90er Jahren ihr Augenmerk auf die postsowjetischen Staaten in Zentralasien warfen, wo Gülen islamistische Netzwerke speziell im Bildungssektor – Gülen-Schulen – aufbaute.

Millî Görüs wiederum ist historisch und ideologisch maßgeblich mit dem türkischen Politiker Necmettin Erbakan, dem politischen Ziehvater Erdogans, verbunden, der 1973 ein Buch mit dem Titel „Millî Görüs“ (Nationale Sicht) veröffentlichte. Die Millî-Görüs-Bewegung ist auch bekennend antisemitisch: „5.700 Jahre jüdischer Weltregierung stellten eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt dar“.

Die Millî-Görüs-Bewegung steht für ein umfassendes soziales, ökonomisches und politisches Regelungssystem, das auf islamischer Grundlage beruht. Millî Görüs setzt auf eine Islamisierung der Wirtschaft, um dadurch eine Islamisierung von Politik und Gesellschaft herbeizuführen.

 

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