Äußert kühl reagiert die sonst so um die Menschenrechte besorgte Europäische Union auf das Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien und die massive Gewalt der spanischen Polizei, bei der mehr als 900 Katalanen verletzt wurden, die vom Selbstbestimmungsrecht der Völker Gebrauch machen wollten. Aber mehr noch: Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker erklärte am Montag, „unter der spanischen Verfassung war die gestrige Abstimmung nicht legal“.

Anders reagierte die EU 2008, als sich der Kosovo einseitig von Serbien lossagte. Damals unterstützte Brüssel die Kosovo-Albaner, die sich ohne vorherige Volksabstimmung für unabhängig erklärten und damit gegen die UNO-Resolution 1244 verstießen, welche Serbien die territoriale Unversehrtheit gewährte. Auf diese doppelten Maßstäbe wies nun der serbische Präsident Aleksandar Vucic hin. „Die Frage, die heute jeder Bürger Serbiens der Europäischen Union stellen muss, lautet: Warum ist im Falle Kataloniens die Volksabstimmung über die Unabhängigkeit ungültig, während im Fall des Kosovo die Sezession sogar ohne eine Volksabstimmung erlaubt wurde“, zitiert der Radiosender B92 den Präsidenten. Und Vucic legte noch nach: „Das ist das beste Beispiel für doppelte Maßstäbe und Heuchelei in der Weltpolitik.“

Damit spielte Vucic auf den Umstand an, dass die Losreißung des Kosovo aus Serbien im Interesse der NATO und damit der USA war. Denn Washington ging es bei der Unterstützung der Kosovaren in erster Linie darum, Serbien, den wichtigsten Verbündeten Russlands auf dem Balkan, zu schwächen, und mit dem Kosovo einen willfährigen Vasallenstaat zu gründen. An einer Unabhängigkeit Kataloniens besteht hingegen kein besonders geopolitisches Interesse, weshalb Brüssel das Selbstbestimmungsrecht der Katalanen egal ist.

 

[Text: B. T.; Bild: HazteOir.org/flickr]