„Einen blauen Ballon möcht‘ ich haben“ nannte Michael Heltau sein 34. und letztes Soloprogramm nach einer Prosaskizze von Peter Altenberg. Im November 2017 hatte es im Wiener Burgtheater Premiere, im Februar des heurigen Jahres trat Heltau mit seinen Wiener Theatermusikern, die 1998 exklusiv für ihn aus der Taufe gehoben worden waren, zum letzten Mal auf. Das gab das Burgtheater im Rahmen einer Ankündigung zur CD/DVD-Präsentation dieses Programms bekannt.

Es gab mehrere Anzeichen für diesen Abschied:

Zum Einen verstarb zur Jahreswende Loek Huisman, Heltaus Partner. Mitunter mag auch dieses Ereignis ausschlaggebend für den Rückzug gewesen sein. Ein Zeichen vielleicht, wie damals der Tod Giorgio Strehlers, mit dem Heltau Shakespeares König Lear hätte inszenieren sollen. Und auch damals, vor über 20 Jahren zog Heltau Konsequenzen und hing die Schauspielerei an den Nagel.

Zum Zweiten beging der Chansonnier im Juli seinen 85. Geburtstag – ohne Aufhebens, bescheiden wie eh und je. Auch solche Anlässe geben zu denken.

Zum Dritten aber trug schon der Untertitel seines letzten Programms einen Hauch von Abschied: „Vom Festhalten und Loslassen“. Die strengen Formen hatte Heltau längst abgelegt. Kein Smoking mehr, keine Fliege, kein Stehkragen und kein Zylinder. Stattdessen ein Knautschhut, Jeans und ein lockeres Jackett überm Polo-Hemd. Die Zeiten des formellen, öffentlichen Auftritts waren vorbei. Diesmal kam er nicht aus der Garderobe, sondern direkt aus dem Wohnzimmer und erzählte seinem Publikum leger von anno dazumal. Ungezwungen. Nahezu unverschämt. Und selbst das hatte seinen Reiz. Und was für einen! Es war das persönlichste aller Programme. Sein Abschiedsprogramm.

Schon in der ersten Hälfte, nachdem zuallererst der „Vater der Gaukler“ beschworen worden war, sang Heltau vom „ungeheuren Fieber“ (Aznavour), das „vorüber“ geht, von der Kraft des Augenblicks also, den der Lauf der Zeit unweigerlich tötet. Vom „roten Luftballon am Himmel“, dem man vergeblich nachgreift, der davonschwebt wie alles im Leben. Es ist die kleine Weisheit, die zur Wahrheit gezaubert wird. Und jede noch so banale Trivialität wird zu Gold, sobald sie über die Zunge kommt, als hätte König Midas sie angefasst.

Den Höhepunkt des Abends schließlich bildete das Chanson „Auf der Mundharmonika“ – ganz zu schweigen von den sentimentalen Streifzügen durch das alte Wien des „noblen Kaisers“ (Herr Doktor, erinnern Sie sich noch?, Warum hat jeder Frühling ach nur einen Mai, Im Prater blüh‘n wieder die Bäume…). Und auch der eigene Beruf, man ist fast versucht zu sagen: die Berufung, kommt niemals zu kurz: Ein Bekenntnis zum „Milieu“, zum Auftritt („Karussell“, „Der Besen“, „Es ist vorüber“) und schlussendlich zu sich selbst (I am, what I am).

In einem solchen Abend liegt alles drinnen. Jede Gefühlsregung. Jede Ausdrucksform. Sprechgesang. Er flüstert und tobt. Ist schelmisch und ernst. Verzweifelt und glückselig. Und jede Geste, jede Handbewegung erzeugt einen großen Theatermoment. Egal, ob er am Flügel lehnt, oder sich an den Mikrophonständer schmiegt. Kein Kitsch. Kein Bühnenbild. Nur reine Wahrhaftigkeit.

Es war jedenfalls ein trauriger Abend voller Wehmut und Wertschmerz, und zugleich ein seliger voller Kraft und Zuversicht. Nie verlässt man ein Theater so ungern wie nach diesen Vorstellungen. Illusion und Wirklichkeit werden verronnen ins Gedächtnis eingeschmolzen. „Was bleibt ist bloß Erinnerung.“

Und steht man dann im eisigen Wind vor dem „Großen Haus am Ring“, während der Regen um den Mantel peitscht und Wägen und Straßenbahnen vorbeiziehen, fällt man zurück in das leere Loch der Alltäglichkeit, der man vom Magier für zwei glückliche Stunden enthoben worden war. Wie besoffen kreisen die ewigen Melodien Brels, Trenets und Aznavours im Ohr.

„Versteht Er nicht, wenn eine Sach’ ein End’ hat?!“, zitiert der Doyen des Wiener Burgtheaters den „Rosenkavalier“ und geht. Endgültig.   

Danke. Adieu!

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia/Bwag; Lizenz: CC BY-SA 4.0]