Noch beherrscht und behindert die „zeitgenössische Linke“ die aktuelle Gesellschaftspolitik mit politischer Korrektheit. Leider lässt die „zeitgenössische Rechte“ den erforderlichen strategischen Widerstand gegenüber kontraproduktiven gutmenschlichen Quertreibereien vermissen, vor allem aber auch den Mut zu weitergehenden Veränderungen (auch bei sich selbst?) und den nötigen Elan, zu ganz neuen Ufern aufzubrechen. Das hängt damit zusammen, dass es über diese doch eher gefühlsbetonten Zuschreibungen hinaus an tiefgreifenden Analysen komplexer politischer Zusammenhänge jenseits des bisher Angedachten fehlt.

Dabei wäre ein gründlicher Neuanfang gar nicht so schwer, sind doch die Linken nur mehr um hilflose Systemstabilisierung bemüht und damit langweilig geworden, wie die Wahlen in letzter Zeit deutlich bewiesen haben. Ihr politisches Bemühen konzentriert sich auf den im wahrsten Sinne des Wortes kurzsichtigen Grabenkampf gegen Rechts, den ihre tapferen grünen Mitschreiter als lästiges Anhängsel um mehr als groteske Minderheitsanliegen bereichern. Ihre Fokussierung auf die wahltaktisch orientierte Alimentierung der Zivilgesellschaft behindert einen echten Fortschritt bei der Bewältigung der ganz großen, nämlich weltweiten gesellschaftspolitischen Probleme.

Dabei entgeht den Genossen gänzlich, dass sie ihre Vergangenheit immer mehr aus dem Auge verlieren und schon „dem Koordinatensystem des modernen Raubtierkapitalismus“ folgen, wenn sie auf diesem Raster letztlich die weitere Ausgestaltung des bunten Alltags ihrer Kundschaft, einer lustigen bis ahnungslosen Spiel-und Spaßgesellschaft mitbauen. Wie publikumswirksam man das auch zu präsentieren versucht, ist „das bloße Insistieren auf multikulturalistische Offenheit die perfideste Form eines neuen Klassenkampfes“, wie ein enttäuschter Linksliberaler geschrieben hat.

Gemünzt ist diese in durchaus marxistische Terminologie gekleidete Analyse eines geistigen Dissidenten aus diesem Milieu vor allem auf die von ihm vermutete Zielrichtung, noch mehr Kapital im Zusammenhang mit der außereuropäischen Zuwanderung lukrieren zu können. Kann man diesen Überlegungen folgen, wird sogar erkennbar, dass Kapital und Multikultur, offene Grenzen und Profitmaximierung bei einer flotten „Flüchtlingsindustrie“ heute bereits wesensmäßig verknüpft sind, dass die suspekten Umtriebe im Multikulturalismus perfekt in die Logik des globalen Marktes passen.

Der wird heute nicht mehr nur ideologisch, sondern bereits von der Verbindlichkeit des globalen Kapitals gefüttert. Das weckt die Bedürfnisse von immer neuen Minderheiten, die ihm gierig folgen. Das als kreativ zu verstehen, ist lediglich das Weltbild gutbezahlter Manager, die höchst flexibel bei der Wahl ihrer Mittel sind. Eingesetzt wird jeweils das, was der aktuellen Großwetterlage nach den größtmöglichen Nutzen für diverse „zivilisationshungrige“ Gruppierungen verspricht. So lehren uns die Globalisierungsprozesse jenseits jeder Moral weltweit, dass sich der Kapitalismus selbst allen Kulturen breitenwirksam anzupassen vermag.

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

 

[Bild: Allan Ajifo/flickr]