Der 23. Juni 2016 wird als denkwürdiger Tag in die Geschichtsbücher eingehen. Fast 52 Prozent der Briten stimmten bei einer Volksabstimmung für den Brexit, also den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union. Wie später im November war auch das Brexit-Referendum eine Ohrfeige für selbstherrliche Eliten: Die Einwanderungsfrage spielte eine große Rolle, und die Mehrheit der Briten ließ sich von den – falschen, wie sich rasch herausstellte – Prophezeiungen, dass es bei einem EU-Austritt rasch mit der Wirtschaft bergab gehen würde, nicht einschüchtern.

Robert Parry, ein US-amerikanischer Investivjournalist, der in den 80er Jahren die Iran-Contra-Affäre aufdeckte, erklärt die Entscheidung der Briten folgendermaßen: „Tatsächlich stimmten sie dafür, ihre eigenen nationalen Bedürfnisse und Sehnsüchte gegenüber einer Verpfl ichtung zur Einheit des Kontinents und universellerer Ziele zu behaupten.“ Worauf Parry anspielt, ist die Tatsache, dass die EU Teil der von den Führern der Globalisierung entworfenen Neuen Weltordnung ist. Folglich sei die Brexit-Entscheidung auch eine „Anerkennung, dass das westliche Establishment zunehmen korrupt und arrogant“ geworden und angeblich neutrale Technokraten in Wirklichkeit auf der Gehaltsliste des militärisch-industriellen Komplexes bzw. der Wall Street und des Finanzzentrums der City of London stehen.

Unklar ist deshalb, ob die britische Premierministerin Theresa May wie angekündigt im März 2017 die Austrittsklausel nach Art. 50 EU-Vertrag aktivieren und damit offi ziell den Brexit erklären wird. So entschied das Oberste Gericht Großbritanniens am 3. November,dass das Parlament dem Brexit zustimmen muss. Kenner des Londoner Politikbetriebs warnen, dass die nicht vom Volk gewählten Mitglieder des Oberhauses den Brexit blockieren oder zumindest hinauszögern könnten. Im Unterhaus unterstützen 448 von 523 den Fahrplan Mays.

Die von keinem EU-Bürger gewählten „Eliten“ in Brüssel schmieden indessen Pläne, um die aufmüpfi gen Briten zu bestrafen und ein Exempel zu statuieren, damit andere Mitgliedstaaten erst gar nicht auf die Idee kommen, über einen Austritt aus der EU nachzudenken. So ernannte das EU-Parlament den früheren belgischen Regierungschef Guy Verhofstadt, einen ausgewiesenen EU-Zentralisten, zum Brexit-Chefverhandler. Immer öfter ist daher von einem „harten Brexit“ die Rede. Das heißt, wenn es während der nach Art. 50 EU-Vertrag zwei Jahre dauernden Austrittsverhandlungen zu keiner Einigung – etwa über Sonderregeln zum Zugang zum Binnenmarkt – kommt, wird Großbritannien wie ein x-beliebiger Drittstaat behandelt. Und das könnte, anders als der „weiche Brexit“ sehr wohl wirtschaftliche Folgen haben.

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