Einen „seltsamen“ Bericht lieferte der ORF heute in der Sendung Leporello in ORF 1 knapp vor dem Morgenjournal um 8.00. Es ging um Julius Tandler, den Wiener Stadtrat, Sozialisten und Arzt.

Ihm ist nun eine Ausstellung im Karl Marx-Hof in Heiligenstadt gewidmet. Neben seinen zweifellos bahnbrechenden Errungenschaften im sozialen Bereich, gab es zu dem aus der Unterschicht zum Universitätsprofessor aufgestiegenen Paradevertreter des „Roten Wien“ auch „Umstrittenes“, wie es der ORF ausdrückte, zu berichten.

Tandler war ein überzeugter Vertreter der Eugenik, also der Erbgesundheitslehre. Er trat für gezielte Geburtenkontrolle zur Schaffung des genetisch idealen Menschen ein. Und das, so der Bericht des ORF, obwohl Tandler „als Jude Zeit seines Berufslebens selbst Opfer nationalsozialistischen Selektionsdenkens“ gewesen wäre. Dies um im nächsten Satz zu schimpfen, dass bei seiner Bestellung zum Professor, gegen ihn wegen einer weiteren „Verjudung“ der Universität gehetzt wurde.

Dies ist für einen Sender, der angeblich auf Qualitätsjournalismus Wert legt, vorsichtig ausgedrückt, äußerst seltsam. Es sollte doch auch beim ORF bekannt sein, dass Hitlers NSDAP erst 1920, also 10 Jahre später gegründet wurde. Die antisemitische Hetze muss also wohl von anderer Seite gekommen sein.

Der ORF-Bericht zeigt aber auch wie einseitig und informationsverfälschend der ORF seine Berichte gestaltet. Die Erbgesundheitslehre wird als nationalsozialisches Selektionsdenken, das Tandler als Jude hätte gefährlich werden können, hingestellt. Nachdem Tandler diese aber bereits wesentlich früher lehrte, können die Nationalsozialisten sie bestenfalls von ihm übernommen haben.

Und hier kommen wir auch zu dem rechtlich fragwürdigen Aspekt des ORF-Berichts. Das Ziel Tandlers, den genetisch idealen Menschen über Geburtenkontrolle zu schaffen lediglich als „umstritten“ hinzustellen, ist nach heutiger Rechtslage wohl mehr als eine blanke Verharmlosung geneologischer Diskriminierung. Hätte ein FPÖ-Politiker eine derartige Aussage getätigt, er wäre als übler „Rassist und Menschenverachter“ längst durch alle möglichen medialen Geißelungen getrieben und vor Gericht gestellt worden.

Bei einem Sozialisten wie Tandler wird das gleiche Ansinnen wie es später von den Nationalsozialisten propagiert wurde, vom ORF aber lediglich als „umstritten“ hingestellt.

 

[Text: W. T.; Bild: GuentherZ/wikimedia.org]