Wer heute durch den Resselpark vorbei am Brahmsdenkmal von Rudolf Weyr zur Karlskirche spaziert, steht mit einem Male vor einem der hässlichsten Museumsbauten der Bundeshauptstadt – dem Wien Museum. Dort wird derzeit eine umfassende Ausstellung anlässlich des 100. Todestages Otto Wagners gezeigt.
Gleich im ersten Raum befindet sich ein großes Modell eines Wien Museums, das an der Stelle des heutigen Baus im Jahre errichtet werden sollte. Dazu kam es bedauerlicherweise nicht, weil Otto Wagners bahnbrechende Ideen den Mitgliedern des Erzhauses, allen voran Thronfolger Franz Ferdinand, viel zu modern waren. Heute wissen wir, dass kein anderer Architekt vor Otto Wagner und schon gar nicht nach Otto Wagner das Erscheinungsbild Wiens so sehr prägte und aus der gründerzeitlichen, historisierenden eine wirklich moderne Stadt im besten Sinne des Wortes machte. Die Postsparkasse am Stubenring und die Stadtbahn sowie das heute nach ihm benannte Spital auf der Baumgartner Höhe mit der wunderbaren Kirche sind die bekanntesten Bauten, die Otto Wagner tatsächlich errichtete, sie sind aber bei weitem nicht alles, was er in Wien baute.
Otto Koloman Wagner wurde am 13. Juli 1841 in Penzing, das damals noch nicht zu Wien gehörte, geboren. Der Vater starb als der Sohn erst fünf Jahre alt, dennoch erhielt er eine solide Ausbildung.
Zuerst besuchte Wagner das Akademische Gymnasium, später das Stiftsgymnasium in Kremsmünster; am Polytechnikum in Wien legte er 1859 die Matura ab. Dann studierte Wagner zuerst in Berlin, später an der Akademie der bildenden Künste in Wien u. a. bei Eduard van der Nüll und August Sicard von Sicardsburg, den Architekten der Wiener Oper. Außerdem durchlief er bei einem Wiener Stadtbaumeister eine Maurerlehre.
Otto Wagner war insofern vom Glück begünstigt, da zu Beginn seiner Laufbahn die Stadtmauern Wiens abgerissen wurden, an deren Stelle die Ringstraße entstand.
In den folgenden Jahrzehnten entstanden zahlreiche Repräsentationsbauten der kaiserlich-königlichen Reichshaupt- und Residenzstadt wie die Universität, das Rathaus und das Burgtheater, das Parlament, das Kunsthorische und das Naturhistorische Museum sowie die Oper.
Otto Wagner nahm an zahlreichen Wettbewerben teil; beim Wettbewerb um den Bau des Kursalons im Stadtpark errang er sogar den ersten Preis, die Ausführung des Baus wurde ihm aber dennoch nicht übertragen, zu revolutionär waren seine Ideen für die Gründerzeit.
Sein Frühwerk ist noch dem Historismus verpfl ichtet. Anknüpfend an Gottfried Semper, dem Erbauer des Burgtheaters, sah er zunächst die Lösung in einer „freien Renaissance“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts vertrat er gemäß seinem Motto, dass die einzige Herrin der Kunst die Notwendigkeit sei, den Standpunkt, dass „der Architekt im Nutzstil den Bautechniker gegenüber dem Künstler in den Vordergrund“ zu stellen habe. Bloß dekorative Elemente lehnte er kategorisch ab, alles in seinen Bauten hat dem Nutzen zu dienen, außerdem sollte die Schönheit des Materials für sich selbst sprechen.
Nach dem Tod Carl Hasenauers 1894 übernimmt Wagner dessen Lehrstuhl an der Akademie der bildenden Künste und wird Leiter der Spezialschule für Architektur.
Vergeblich bemühte sich Wagner um die Neugestaltung des Karlsplatzes; auch seine zukunftweisenden Pläne für das Technische Museum oder die Universitätsbibliothek wurden nicht berücksichtigt. Zu seinen Schülern zählten u. a. Josef Hoffmann, Josef Maria Olbrich und Kolo Moser. Ein halbes Jahr vor Kriegsende und damit dem Untergang der Donaumonarchie starb Otto Wagner in Wien. Die Ausstellung im Wien Museum ist noch bis 7. Oktober zu sehen.

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[Text: H.M.; Bild: wikipedia.org]