Mit ängstlicher Spannung warteten nicht nur evangelische Christen, ob über (vielleicht verzeihliche) Geschmacklosigkeiten hinaus (Luther-Bier, Luther- Tomaten usw.) ein Akzent gelingen würde, der die Herrschaft des Banalen verlassen könnte: In Richtung auf Wegweiser, Diskurse und Inhalte, auf Substanz der Reformation für Staat, Kirche und Kultur in Europa. Die Enttäuschung folgte – besonders bei jenen, die Luthers Katechismus nicht nur beim Bier studieren wollten.

Wittenberg: Geladene Gäste, die Kirchenoberen, „zahlreiche gesangbuchfeste Protestanten aus der Politik“ – so eine Zeitung –, Angela Merkel mit den Spitzen des Staates versammelten sich dann und zu guter Letzt in der Schlosskirche zur Erinnerung an Martin Luthers Thesenanschlag vor 500 Jahren zu einem Festgottesdienst: Die Predigt des amtierenden Ratsvorsitzenden der EKD Bedford-Strohm hätte ein Ausdruck von Würde, von Annäherung an die Person und die Größe Luthers, an dessen historische und geistesgeschichtliche Leistung sein können, zumindest ein affirmatives Bekenntnis zu Staat und Kirche in Deutschland (und Österreich) mit seinen Menschen.

Stattdessen nahm Bedford-Strohm sogar dieses Jubiläum wiederum zum Anlass, in seltener Banalität Luther zum Kronzeugen seines eigenen auch theologisch durchaus anfechtbaren und einseitig interpretierten politischen Katechismus zu machen. Die Teilnehmer mussten sich zur Rechtfertigung der Masseneinwanderung eine höchst merkwürdige theologische Unterfütterung anhören, – vermutlich aber sehr zum Gefallen des Zirkels solcher protestantischer Theologen um Angela Merkel, die offenbar immer noch dem Modell einer „Kirche im Sozialismus“ (der früheren DDR) verhaftet sind.

Bedford-Strohm, der öffentlich von „blinden Flecken in unserem Selbstbild“ gepredigt haben soll, ließ jede gebotene Neutralität vermissen, jede Distanz zu Entscheidungen des Gewissens; geradezu inquisitorische Denkweisen schimmern durch. Gesinnung und Moral werden abgeklopft und verkündet – unisono von Kirche und Staat. (Man erinnert sich an die These vom „hellen“ und „dunklen“ Deutschland von Pfarrer und Ex-Bundespräsident Gauck).

Der „ oberste Hirte“ der evangelischen Kirche, passenderweise auch SPD-Mitglied und verwandtschaftlich offensichtlich den USA verbunden, wirbelte vor dem Altar des Herrn in der Schlosskirche so viel Staub auf, dass der „Theologe“ im Trüben blieb.

 

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[Bild: Christliches Medienmagazin pro/flickr]