Die Parallelen sind verblüffend: Ungefähr zur selben Zeit wie die Österreicher werden auch die Tschechen zu den Wahlurnen gebeten, konkret: am 20. und 21. Oktober. In beiden Ländern steht ein Sozialdemokrat an der Spitze der Regierung, und hier wie dort dürfte den Genossen eine herbe Wahlniederlage bevorstehen.

Das fügt sich gut ein in den europaweiten Trend, wonach der Sozialdemokratie das Totenglöckchen schlägt. Siehe Holland, Frankreich und Deutschland – GB ist die Ausnahme, welche die
Regel bestätigt. Selbst in Österreich hat der rote Bewerber für die Hofburg nur jede achte Stimme für sich lukrieren können.

Die Zeit der Sozialdemokratie, die wie der Kommunismus im Marxismus wurzelt, ist abgelaufen. Den Grund kennt jeder: Die Roten wollen mit dem fleißigen einheimischen Arbeiter nichts mehr zu tun haben.

In Prag steht ein gewisser Bohuslav Sobotka – in Österreich kennt ihn kein Mensch – einer Dreier-Koalition vor: Sozialdemokraten, Christdemokraten und eine Stronach-ähnliche Protestpartei, die sich ANO (Aktion unzufriedener Bürger) schreibt. Sobotka, dem unlängst seine Ehefrau durchgangen ist, ist schon von seinem Äußeren her die geborene graue Maus. Ein blasser Jurist mit Halbglatze samt Krankenkassenbrille. Nur mit Mühe übersteht Sobotka im Herbst 2013 einen parteiinternen Putschversuch und wird im Jänner 2014 vom Staatspräsidenten Miloš
Zeman als Premier angelobt.

Derselbe Zeman macht Sobotka Anfang Mai einen Strich durch die Rechnung. Der Premier bietet die Demission seines Kabinetts an (um ANO-Chef und Finanzminister Andrej Babiš loszuwerden), das Staatsoberhaupt nimmt das Offert nur hinsichtlich der Person Sobotkas an, worauf dieser sein Angebot zurückzieht. Am 24. Mai verbucht Sobotka einen Pyrrhus-Sieg: Zeman enthebt den bisherigen Finanzminister auf dessen eigenen Wunsch seines Postens und setzt den von Babiš vorgeschlagenen ANO-Mann Ivan Pilný als Nachfolger ein. Dadurch kann sich Babiš voll auf den nächsten Urnengang konzentrieren. Verdachtsmomente in Richtung Steuerbetrug oder unredliche Beeinflussung von Medien scheinen die Volkstümlichkeit des ANO-Führers nicht zu beeinträchtigen. Was auch angesichts der Herkunft von Babiš verwundert: Der 1954 in Preßburg Geborene ist ethnisch ein Slowake, und man sagt, viele Tschechen hätten vor allem in der Zeit der CSSR auf ihre Landsleute im Osten ein wenig herabgeschaut.

Bei der Wahl im Oktober prophezeit man den Sozialdemokraten um die 16 Prozent. Obschon anstelle des glücklosen Sobotka der bisherige Innenminister Milan Chovanec den Parteivorsitz übernommen hat; den roten Spitzenkandidaten gibt Lubomir Zaoralek, derzeit Chef des Prager Außenamtes.

 

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[Bild: European Council/flickr]