Recep Tayyip Erdogan sinnt auf Rache. Rund 6.000 Gegner ließ der türkische Staatspräsident seit dem gescheiterten Militärputsch am Freitagabend verhaften, zudem findet eine beispiellose Säuberungsaktion im Justiz- und Verwaltungsapparat statt. Gegner des türkischen Autokraten meinen deshalb, Erdogan habe den Putsch selbst inszeniert, um nach der absoluten Macht greifen und das von ihm gewünschte Präsidialsystem errichten zu können.

 Wahrscheinlicher ist es aber, dass die Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches im Ausland – oder, genauer gesagt: in Washington – sitzen. Schließlich haben die letzten politischen Wendungen Erdogans den US-Verbündeten zutiefst verärgert. So ließ Ankara zuletzt anklingen, dass es von seinem langjährigen Ziel in Syrien, dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad, abrücken werde. Zudem normalisierte Erdogan das seit vergangenen November äußerst gespannte Verhältnis zu Moskau, nachdem die türkische Luftwaffe über syrischem Luftraum ein russisches Kampfflugzeug abgeschossen hatte. Mit dieser Normalisierung der Beziehungen rückt nun die Errichtung der „Turkish Stream“-Erdgasleitung durch das Schwarze Meer wieder in Reichweite. Sollte dieses Projekt verwirklicht werden, wäre die Bedeutung der Ukraine als Transitland für russisches Erdgas erheblich geschwächt, was Washington unbedingt verhindern will.

 Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bericht der „Washington Post“ über die türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik, von wo aus die US-Luftwaffe Angriffe gegen Ziele in Syrien fliegt. „Die künftige Nutzung des türkischen Stützpunktes durch das US-Militär für die Kampagne gegen den Islamischen Staat war Freitagabend, während des Putsches gegen die Regierung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, ungewiss.“ Ohne die Nutzung von Ircilik wäre es für die USA ungemein schwieriger, ihre angeblich gegen den IS gerichteten Angriffe in Syrien zu fliegen.

 Unter den Erdogan-Gegnern, die nach dem gescheiterten Putschversuch verhaftet wurden, befindet sich übrigens auch der Kommandant des Luftwaffenstützpunktes von Incirlik, General Bekir Ercan Van.

 

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[Text: B. T.; Bild: Myrat/wikimedia.org]