Nach Syrien bringt sich Russland auch in Libyen immer mehr als Machtfaktor ins Spiel. Denn rund sechs Jahre nach dem mit NATO-Bomben herbeigeführten Sturz von Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi, herrschen in dem einst ausgezeichnet funktionierenden nordafrikanischen Staat immer noch chaotische Verhältnisse. In Tripolis residiert die international anerkannte Regierung, deren Einfluss aber nicht weit über die Hauptstadt reicht, in Tobruk eine Gegenregierung unter General Khalifa Haftar, der lange Zeit von Washington unterstützt wurde, und hinzu kommen dschihadistische Gruppen, die Libyen terrorisieren.

Mitte März ist es Haftar und seiner Libyschen Nationalarmee gelungen, die Erdölverladehäfen Sidra und Ras Lanuf von islamistischen Milizen zurückzuerobern. Für diesen Erfolg dürfte russische Unterstützung ausschlaggebend gewesen sein. „Die Kämpfe haben diplomatische Streitigkeiten zwischen Moskau und Washington verstärkt, nachdem nicht genannte US-amerikanische und ägyptische Offizielle behaupteten, dass Russland Spezialkräfte und Drohnen in einem Luftwaffenstützpunkt in Westägypten nahe der Grenze zu Libyen stationiert hat“, schrieb die britische Zeitung „The Guardian“. Russland bestreitet die Entsendung von Spezialkräften: „Bestimmte westliche Massenmedien hetzen die Öffentlichkeit seit Jahren mit solchen falschen Informationen aus anonymen Quellen auf“, sagte Igor Konaschenkow, der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums.

Ob nun Spezialkräfte entsendet wurden oder nicht, Tatsache ist, dass Russland im Osten Libyens Fuß fassen will. So bestätigte Aguila Saleh Issa, der Präsident des in Tobruk residierenden Abgeordnetenrates: „Wir ersuchten die russische Regierung, uns zu bei der Ausbildung der Soldaten unserer bewaffneten Kräfte und bei der Reparatur des militärischen Geräts durch russische Spezialisten zu helfen, weil die Mehrheit unserer Offiziere in Russland studierte und viele die russische Sprache beherrschen und mit russischer Ausrüstung umgehen können. Sie (die Russen, Anm.) versprachen, uns beim Kampf gegen den Terrorismus zu helfen.“

Damit setzt Moskau seine Strategie fort, die mit dem Sturz Gaddafis 2011 vereitelt worden war. Wie das Nachrichtenportal „Middle East Eye“ schreibt, wollte Russland seinen Einfluss in Libyen bereits vor dem Sturz von Gaddafi wiedergewinnen. Zu diesem Zweck sei ein lukratives Rüstungsgeschäft im Wert von vier Milliarden US-Dollar abgeschlossen worden, und dem „standhaften Verbündeten in der Regierung“ ließ man auch militärisches Training zukommen.

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

 

[Bild: Magharebia/flickr]