Kim Jong-un kann es nicht lassen. In immer schnelleren Abständen feuert er immer mehr Raketen ab: Mittelstrecken-, Langstrecken- und Interkontinentalwaffen, selbst von U-Booten (die nur schwierig zu orten sind) und zündet jede Menge Atomtests, zuletzt sogar eine Wasserstoffbombe, die alle bisherigen Explosionsstärken in den Schatten stellt. Die herrschende Schule der Beschwichtiger meint weiter unverdrossen, der junge grausame Diktator sei nicht wahnsinnig. Er werde seine Despotie, sein Leben und seinen luxuriösen Lebenswandel in seinen ober- und unterirdischen Palastsystemen nicht aufs Spiel setzen, sondern wolle mit seinem wirtschaftlichen Armenhaus als achte Atommacht unter den Großmächten der Welt mitspielen und die USA erpressbar machen. Zudem dienen die spektakulären Tests und die souveräne Missachtung aller internationalen Sanktionen und Ermahnungen des VN-Sicherheitsrates der Legitimierung seines Regimes, der einzigen kommunistischen Dynastie der Welt, deren Erbfolge er erst durch die Erschießung seines Onkels, der Ermordung seines Halbbruders und der Liquidierung jeder Menge Generäle sichern konnte.

Und wer hat dem Paria-Regime geholfen? Zunächst eine Schöpfung Stalins, der den bis dahin erfolglosen Partisanen-Hauptmann Kim Song-il im Herbst 1945 in seiner Besatzungszone in Pjöngjang inthronisierte. Als Großvater Kim im Juni 1950 den Süden angriff, wurde er im Winter von Millionen chinesischer „Freiwilliger“ gerettet, die die Amerikaner vom Grenzfluss Yalu wieder zur Demarkationslinie des 38. Breitengrades abdrängten. Danach spielte er in einer Schaukelpolitik chinesische und sowjetische Freunde gegeneinander aus, um von beiden die Militär- und Wirtschaftshilfe zu maximieren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mussten sich die Kims mit dem Verkauf von Bodenschätzen (hauptsächlich Kohle, aber auch Mangan, Blei, Zink, Tungsten, Gold und Silber), Fischen und Pilzen bei den Chinesen finanzieren, um Öl, Getreide, Technologie und Luxusgüter für die Elite zu importieren. Vater Kim Jong-il besorgte sich die Nukleartechnik aus Pakistan, das Uran aus Namibia und die Raketentechnik aus Russland (das derzeit den schwarzen Peter an die Ukraine weiterzureichen versucht). Im Gegenzug versuchte er, seine Erkenntnisse im Iran, in Saddams Irak und in Gaddafis Libyen zu Geld zu machen. George Bushs „Achse des Bösen“ war keine reine Fiktion.

Es wurde in Sechs-Parteiengesprächen unter Einschluss von Russen, Chinesen, Japanern und Amerikanern bereits jahrzehntelang geduldig versucht, eine friedliche Lösung zu finden. Die Europäer finanzierten sogar Leichtwasserreaktoren mit, um die Kims von ihrem angereicherten Uran- und Plutoniumtrip abzubringen. Und Südkorea schob während seiner „Sonnenscheinpolitik“ mehr als vier Milliarden Euro an Finanz-, Wirtschafts- und Nahrungsmittelhilfen in den Norden, um frei nach Willy Brandt dort „Wandel durch Annäherung“ zu schaffen. Alles umsonst. Auch die „strategische Geduld“ des Nichtstuers Obamas ist ein Dokument des Versagens.Bei einem militärischen Konflikt steht der Sieger von vornherein fest.

 

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[Bild: J.A. de Roo/wikimedia.org]