Die Salzburger Festspiele sind eines jener unzähligen Ereignisse, wo alles zusammenkommt, was zwar einen Namen, aber keinen Rang hat. Ein roter Teppich wird ausgelegt für „Persönlichkeiten“, die man eigentlich barfuß durch den Schlamm ins Parterre jagen müsste. Dahinter eine Horde geifernder Photographen, die sich am Höhepunkt ihrer Karriere dünken, wenn sie Angela Merkel oder Thomas Gottschalk ins Bild bannen.

Wenn dann der Vorhang aufgeht und die Musik einsetzt, dann sitzen sie da, die Promis und Politiker, in jener geradezu sklavenhaften Schweigsamkeit, die man sich auch sonst so gern von ihren erwarten wollte. Doch kaum schwenkt eine Kamera ins Publikum, greifen die Damen zum Spiegel, um sich die Konturen ihres Lippenstiftes nachzuziehen und sich kurz lächelnd aufzurichten, um sich jener Sache hinzugeben, derentwegen man schließlich gekommen ist: dem Blitzlichtgewitter.

Und wenn der Vorhang dann fällt, und jener minutenlange Applaus abflaut, der weniger der Leistung der Schauspieler als vielmehr der Dummheit der Gäste geschuldet ist, dann drängeln sie sich ins Foyer, um ihren Champagner zu schlürfen und sich wieder in ihren Pelzen zu verkriechen, die sie hochnäsig an der Garderobe abgegeben und stolz eine Nummer dafür entgegengenommen hatten – wie Ameisen schwirren sie aus dem Saal und streifen mit den ausgestopften Schulterpolstern ihrer vom schläfrigen Gatten bezahlten Seidenkleider die Oberarme eines konzentrierten Bekannten, der ebenso verzweifelt nach einem Gesprächspartner sucht und ebenso wenig fündig geworden war wie man selbst. Kaum wird man seiner Aufmerksamkeit gewahr, bekundet man zunächst wie herrlich man dieses gelungene Stück fand, von dem man zwar nicht wusste, wer es eigentlich geschrieben hatte, bevor man sich versichert, ob auch das Gegenüber so kunstsinnig ist man selbst.

Jetzt war man selig. Jetzt hatte man das nötige Jahrespensum „Kultur“ konsumiert und konnte sich getrost wieder den Geschäften widmen, die einem schließlich diese Sternstunde finanziert hatten. Zunächst aber sollte man sich noch der Öffentlichkeit zeigen, die an jedem einen Narren frisst, dem eine Kamera hinterherläuft. Und wie zeigt man sich dieser Öffentlichkeit wohl sicherer, als stehenzubleiben, sich umzudrehen und sich von der jagenden Kamera erlegen zu lassen.

Und da jede Kamera beinlos ist, also schwerlich selbst laufen kann, versklavt sie vor ihrer Treibjagd noch einen flinken Reporter, ohne den sie so hilflos wäre wie ein Politiker ohne Volk. Wenn dieser Reporter dann fragt, wie denn die Vorstellung gewesen sei, dann antwortet man so schnell „fabelhaft“, so schnell man sie eigentlich vergessen hatte.

Im Grunde sind Opern- und Theaterbesucher stets halbgebildete Bürgerliche – zu faul zum Lesen und zu phantasielos zum Träumen. Um wieviel gewaltiger nämlich als jedes noch so aufgemotzte Bühnenbild gestalten sich die Bilder im Kopfe eines Lesers!

Wenn man also nach der Vorstellung das Theater verlässt und es regnen sollte, so nicht etwa, weil eine Nassfront aus irgendeiner Himmelsrichtung über die Stadt gezogen wäre, sondern weil Schiller und Heinrich von Kleist vom Himmel herabschauen und sich auskotzen über die Anspruchslosigkeit jenes Pöbel, der ihre Tinte entweiht.

Theater ist höchstens Unterhaltung, nicht Kunst!

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia.org/Arne Müseler; Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE]