Gesellschaftliche Emanzipationsprozesse und mediale Revolutionen gehen oft einher, ja bedingen einander. Bekanntestes Beispiel hierfür ist die Popularisierung reformatorischer Ideen im Deutschland der frühen Neuzeit. Nachdem Johannes Gutenberg in Mainz im Jahre des Herren 1448 die erste Druckwerkstatt gegründet hatte, entstanden zwischen 1450 und 1500 in etwa ebenso viele Buch-Exemplare wie im Jahrtausend davor. Ohne die schrittweise Demokratisierung einer zuvor dem Ordensklerus vorbehaltenen Fertigkeit wären die folgenden, vom städtischen Bürgertum zwischen den Niederlanden und Italien ausgehenden, emanzipativen Prozesse in Religion und Politik kaum möglich gewesen.

Hinsichtlich Massivität der Veränderung und Tragweite kommt der Gutenbergschen Revolution erst jene des Internets bzw. der elektronischen Medien gleich, der wir als Zeitzeugen beiwohnen. Und so wie der Verlust der Deutungshoheit der römischen Kirche ein Ergebnis der Popularisierung von Wissen gewesen ist, gehen auch die Gestalter der öffentlichen Meinung unserer Tage ihrer privilegierten Position verlustig. Den Organisatoren des medialen Diskurses, der „veröffentlichten Meinung“, schwimmen die Felle davon – die Deutung von Ereignissen im Sinne bestimmter politischer Vorgaben, wie sie die Medien des deutschen Sprachraums, insbesondere aber Österreichs, praktizierten. Die vielfältigen Informationsmöglichkeiten des Netzes ermöglichen den „Diskursunterworfenen“ stattdessen völlige Unabhängigkeit im Wissensgewinn, die Inhalte können also völlig ungefiltert und ohne Selektion durch berufene Journalisten konsumiert werden. Dazu kommt das völlige Auseinanderdriften der in den herkömmlichen Massenmedien popularisierten Themen und den Lebenswelten der Medienkonsumenten. Sind erstere immer noch dem Grundsatz der „Erziehung“ ihrer Kunden zugeneigt, empfinden letztere dies immer häufiger als ungerechtfertigte, nicht selten moralistische Einmischung. Die Folge davon ist ein Entfremdungsprozess zwischen Massenmedien und ihren Milieus, wie sich am deutlichsten in den massiven Reichweiteverlusten der BILD-Zeitung erkennen lässt.

 

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