Dr. Roberts, die USA setzen neue Sanktionen gegen Russland in Kraft, womit die Feindseligkeiten gegenüber Moskau ein neues Niveau erreichen. Wird die Politik der US-Eliten letzten Endes zu einem echten Krieg führen?

Paul Craig Roberts: Die russische Regierung, die weiß, dass Russland keine territorialen Ambitionen im Westen hat, hat bisher die Provokationen aus Washington und der NATO ignoriert und abgewartet, ob das neue Regime in Washington anders ist sowie darauf gewartet, ob die EU-Länder erkennen werden, dass sie nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren haben wegen ihrer Unterstützung für die aggressive Politik Washingtons. Aber die russische Regierung wurde in ihren Hoffnungen enttäuscht, dass Washington und Europa zu ihrer Einsicht kommen wurden.

Die russische Regierung weiß, dass Washington nicht den eigenen Anschuldigungen gegenüber Moskau glaubt. Deshalb hat die russische Regierung den Grund, die Propaganda gegen Russland als Washingtons Vorbereitung für die Amerikaner und die EU-Völker auf einen Krieg gegen Russ-land zu betrachten. Die Kriege gegen den Irak, Libyen, Afghanistan und Syrien folgten alle auf Perioden intensiver US-Propaganda gegen diese Länder. Wir wissen heute, dass die US-Propaganda zu 100 Prozent aus Lügen bestand.

Weil Washingtons feindselige Handlungen gegenüber Russland zunehmen und intensiver werden, wird Russland irgendwann gezwungen sein zu erkennen, dass es keine Alternative zu einem Krieg gibt.

Sehen Sie eine realistische Chance für eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland?

Roberts: Nein. Zu viele mächtige Kräfte sind dagegen. 1961 warnte uns Präsident Eisenhower, dass der militärisch-industrielle Komplex sehr mächtig und zu einer Gefahr für die demokratische Kontrolle der US-Regierung wurde. Das war vor 56 Jahren. Der militärisch-industrielle Komplex ist seitdem viel stärker gewachsen, sein jährliches Budget ist größer als das Bruttoinlandsprodukt der meisten Länder der Welt. So ein gewaltiges Budget braucht aber einen Feind, und Russland wurde für die Rolle des Feindes ausgewählt. Darüber hinaus vertreten die Neokonservativen die Ideologie der US-Welthegemonie und betrachten Russland und China als Einschränkungen für den US-Unilateralismus. Im Streben nach der US-Hegemonie fördern die Neokonservativen den Konflikt mit Russland und China.

Was kann Russland nun tun, um den Sanktionen zu kontern? Vielleicht näher zu China rücken und/oder mit anderen Weltmächten eine „Achse der Eindämmung“ aufbauen, um die USA international zu isolieren?

Roberts: Da sich Russland offenkundig nicht auf Europa verlassen kann, um vernünftig zu handeln, könnte Russland seine Beziehungen mit dem Westen abkühlen lassen und ein strategisches Bündnis mit China, Indien und dem Iran aufbauen, während es sich auf den Krieg vorbereitet, den Washington und die NATO Russland aufzwingt.

Als Präsident Trump sein Amt antrat, hofften viele Menschen auf eine Normalisierung der Beziehungen der USA zu Russland. Nun aber schrieb Trump auf Twitter, dank des Kongresses sind „unsere Beziehungen zu Russland auf einem gefährlich niedrigen Allzeittief“. Hat Trump die Macht des Kongresses und des sogenannten tiefen Staates unterschätzt?

Roberts: Trump unterschätzte die Macht des Militär-Sicherheits-Komplexes und die ernste Gefahr, die eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland für das Budget und die Macht des Militär-Sicherheits-Komplexes darstellt. Er unterschätzte den Einfluss der CIA auf die Medien, und er unterschätzte die Bedeutung der politischen Wahlkampfspenden des Militär-Sicherheitskomplexes auf den Kongress. Wie Eisenhower warnte, ist die Macht des Militär-Sicherheitskomplexes zu groß für eine Demokratie.

In einem Artikel schrieben Sie, es gibt eine Verschwörung, um Trump aus dem Amt zu entlassen. Was glauben Sie, wird Trump in einem oder in zwei Jahren noch im Amt sein?

Roberts: Trump ist offensichtlich besiegt worden. Der einzige Grund, ihn nun zu entfernen, wäre, für jeden künftigen Präsidentschaftskandidaten ein Exempel zu statuieren, nicht an die Menschen und gegen die Macht in Washington zu appellieren. Wahrscheinlicher als Trumps Entfernung ist aber, dass Trump nun ein Kriegspräsident wird. Er ist von seinem Wesen her ein Führer. Nachdem eine Führung für den Frieden verhindert wurde, wird seine Persönlichkeit ihn dazu bringen, die einzige Führungsrolle zu übernehmen, die ihn der Militär-Sicherheits-Komplex erlaubt. Er wird der Führer eines neuen Kalten Krieges werden.

Ist davon auszugehen, dass der „Russland-Skandal“ wegen der angeblichen russischen Einmischung in die letzten US-Wahlen weiter aufgebauscht wird, um Trump zu schaden?

Roberts: Die Behauptung einer Verschwörung von Trump und Russland, das sich in die Präsidentenwahl einmischte, ist als Propaganda bekannt, die von CIA-Direktor Brennan in Gang gesetzt wurde, um eine Normalisierung der Beziehungen zu Russland zu verhindern. Für diese Behauptung wurde niemals ein Beweis vorgelegt. Allerdings war die Anschuldigung erfolgreich, Trump am Abbau der Spannungen zu hindern, die vorangegangene Regierungen in Washington gegenüber Russland aufgebaut hatten. Wäre Trump daran gegangen, die Spannungen zu reduzieren, hätten die Medien gesagt, dass Trump die Macht des Präsidentenamtes nützen würde, um Russland zu schützen. Und das wäre als Beweis angesehen worden, dass es eine Verbindung zu Russland gäbe.

Die Propaganda funktionierte, weil die Demokraten und die Medien wütend und blamiert waren, dass Trump die Wahl gewonnen hatte. Außerdem spricht die amerikanische Linke nicht mehr für die Arbeiterklasse, stattdessen spricht sie die Sprache der Gruppeninteressenpolitik und betrachtet die Arbeiterklasse als frauenfeindlich, rassistisch und homophob. Die Linke bekämpft Trump, weil er durch die Arbeiterklasse gewählt wurde.

Die EU hat die neuen Sanktionen gegen Russland scharf kritisiert. Aber kann Europa die Sanktionen stoppen? Welche Formen des Einflusses auf die USA hat Europa?

Roberts: Die Sanktionen sind illegal. Deshalb ist es für die europäischen Regierungen ein Verbrechen, die Sanktionen Washingtons zu befolgen. Aber Europa wird gehorchen, auch wenn die Hauptlast der Sanktionen auf Europa fällt. Europa wird mitmachen, weil die politischen Führer Europas niemals Washington enttäuschen. Charles de Gaulle war der letzte europäische Führer, der eine unabhängige Außen- und Wirtschaftspolitik verfolgte. Die europäischen Regierungen sind die Vasallen Washingtons. Europa weiß nicht, wie es unabhängig handeln soll.

 

[Bild: Department of Labor/Shawn T Moore]