In der Türkei stehen die Zeichen auf Islamisierung. Das bestätigte einmal mehr das staatliche Religionsamt, Diyanet, nun in einer neuen Fatwa (islamisches Religionsgutachten). Konkret wollen die türkischen Religionswächter verlobten Paaren vorschreiben, was sie zu tun oder besser zu unterlassen haben. Insbesondere sollten alle Verhaltensweisen unterlassen werden, die „nicht mit dem Islam vereinbar“ sind. Dazu zählen die sittengestrengen Moralwächter auch das Händchenhalten.

In dem Gutachten heißt es unter anderem, dass es in der Verlobungsphase „nicht ungewöhnlich sei, dass Paare sich treffen und miteinander reden, um sich kennenzulernen“. Jedoch könnte es „unerwünschte Ereignisse geben, ob mit oder ohne Wissen der Familie“. Dazu zählten „flirten, das Zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, oder als Paar unbeobachtet zu sein“. Dies fördere Tratsch und Gerüchte, fürchtet das Diyanet. Die Fatwa ist vor allem an Istanbul und die Städte an der Ägäisküste gerichtet, wo – im Gegensatz zum anatolischen Kernland – viele Türken einen westlichen Lebensstil pflegen.

Das staatliche Religionsamt wurde 1924 zur Aufsicht des Islam in der neugegründeten, säkularen Republik geschaffen. Welcher Geist heute im Diyanet herrschen, belegen Aussagen von dessen Präsidenten Mehmet Görmez zum Säkularismus. Mitte Dezember behauptete Görmez, der Säkularismus habe mehr Gewalt provoziert als Religionen: „Mit der Französischen Revolution begann für die Menschheit eine neue Suche. Er versuchte eine neue, säkulare Welt außerhalb der Religionen aufzubauen. Aber der Säkularismus hat mit der von ihm produzierten Gewalt die Religionen hinter sich gelassen und die Welt in einen totalen Krieg geführt.“

 

 

Text: B. T.
Bild: Muramasa/wikimedia.org