Warum soll Katalonien nicht das Recht haben, einen unabhängigen Staat zu gründen? Was unterscheidet die Katalanen etwa von den Kosovo-Albanern? Prinzipiell nicht viel, außer dass sie nicht in das Konzept der Brüsseler EU-Technokraten passen. Jede nationale Unabhängigkeitsbestrebung auf dem Territorium der EU steht prinzipiell gegen das Ziel, einen zentralistischen Superstaat zu schaffen. Auf der Agenda Brüssels steht ja gerade die Nivellierung aller nationalen Unterschiede. Im Kosovo hingegen galt es, das tendenziell sich eher an Moskau orientierende Serbien zu schwächen.
Dort belohnte man Terroristen, die ihren Unterhalt mit mafiösen Methode, fi nanzierten, mit einem eigenen Staat. Auf der Iberischen Halbinsel dürfen hingegen die Separatisten, die gänzlich auf friedliche und demokratische Methoden zurückgegriffen haben, dasselbe nicht. Katalonien wäre doch auch schon immer ein fester Bestandteil Spaniens gewesen und es würde ja bloß aus wirtschaftlichen Überlegungen den Austritt aus dem Staatsverband wünschen. Die mit Abstand reichste Provinz Spaniens hat ja eine ähnliche Bedeutung für den Gesamtstaat wie der Norden Italiens für den Rest des Landes. Tatsächlich aber ist Katalonien erst seit relativ kurzer Zeit unter den Einfluss Madrids gelangt.
Erst nach Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 wurde die Hauptstadt Barcelona von den Soldaten Philipps von Anjou besetzt und in den darauf folgenden Jahren wurden alle katalanischen Institutionen aufgelöst, wodurch die jahrhundertealte katalanische Selbstverwaltung endete. Selbst die katalanische Sprache wurde verboten, die im Übrigen keine Abspaltung vom Spanischen ist, sondern eigenständig aus dem Vulgärlatein entstanden ist und heute noch immer viel mehr mit dem Okzitanischen verwandt ist als mit dem Spanischen.
Wie sehr die kastilischen Herren die Katalanen gehasst haben, geht aus einem Brief der Eroberer Barcelonas 1714 hervor: „Wir müssten alle aufhängen“, schrieb ein Kommandant nach Madrid, „aber bedauerlicherweise können wir nicht, es fehlt uns an Stricken.“ Damit endete auch der Jahrhundertalte spanische Staatenbund und allein Kastilien hatte das Sagen. Heute ist die Situation zwar noch nicht so schlimm, aber es geht in eine ähnliche Richtung.
Nach der Verhaftung der Politiker der Regionalverwaltung radikalisiert sich die anfangs friedliche Unabhängigkeitsbewegung. Und die Angriffe Madrids schütten weiter Öl ins Feuer, zumal es die Separatisten als Nazis bezeichnet, mit denen man nicht verhandeln werde. Der Vorwurf ist absurd. Katalonien ist traditionell links und hatte auch eine bedeutende Rolle im Bürgerkrieg gegen Francos Faschisten. 1934 hatte Lluís Companys den „katalanischen Staat innerhalb der föderalen spanischen Republik“ ausgerufen. Kurz darauf wurde er verhaftet. Er konnte später ins französische Exil entkommen, wurde aber 1940 an Spanien ausgeliefert und hingerichtet...

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der ZurZeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

[Bild: Xavi Garcia / Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported]