Fast 93 Prozent der irakischen Kurden sprachen sich bei der Volksabstimmung am 25. September für die Unabhängigkeit von Bagdad aus. „Wir haben 100 Jahre lang auf diesen Tag gewartet. Wir wollen einen Staat haben, mit Gottes Hilfe. Heute ist für alle Kurden ein Feiertag“, sagte Masud Barsani, der Präsident der kurdischen Regionalregierung in Erbil. Ob aber der langgehegte Wunsch der Kurden nach einem eigenen Staat in Erfüllung gehen wird, ist jedoch ungewiss. Einerseits, weil das Referendum nicht bindend ist, und andererseits, weil die Nachbarn Irakisch-Kurdistans sowie die Weltmächte gegen eine Eigenstaatlichkeit sind.

Im Vorfeld der Volksabstimmung warnte der UNO-Sicherheitsrats vor „potenziell destabilisierenden Folgen“, das Parlament in Ankara erneuerte das Mandat der türkischen Armee, im Irak und in Syrien einzumarschieren, und der türkische Verteidigungsminister sprach davon, das Referendum könnte „Strukturen, die auf einem heiklen und zerbrechlichen Gleichgewicht aufbauen“ zum Einsturz bringen. Die Türkei sowie der Iran lehnen ein unabhängiges irakisches Kurdistan wegen befürchteter Auswirkungen auf die eigenen, zahlenmäßig starken kurdischen Minderheiten entschieden ab. In einer Erklärung des Weißen Hauses vom 15. September hieß es wiederum, die Volksabstimmung der Kurden „lenkt von den Bemühungen, den IS zu besiegen und die befreiten Gebiete zu stabilisieren, ab“. Und das russische Außenministerium sprach davon, dass es „äußerst wichtig“ sei, „alles zu vermeiden, das Risiko in sich birgt, den Nahen Osten weiter zu destabilisieren“.

Allerdings bestehen erhebliche Zweifel, ob die USA auf Dauer einer kurdischen Unabhängigkeit ablehnend gegenüber eingestellt sind. „Wir hoffen auf einen geeinten Irak, um den IS zu vernichten, und natürlich auf einen geeinten Irak, um den Iran zurückzudrängen“, sagte Sarah Huckabee Sanders, die Sprecherin des Weißen Hauses. Sollte ein geeinter Irak, in dem die Schiiten die Mehrheit stellen, als unbrauchbar erweisen, den (schiitischen) Nachbarn im Osten und Erzfeind der USA zurückzudrängen, dann könnte in Washington rasch ein Sinneswandel einsetzen.

Hinzu kommt, dass Israel, der engste Verbündete der USA in der Region, ein unabhängiges Kurdistan befürwortet. Dabei verfolgt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, wie die „New York Times“ am 22. September schrieb, folgendes Kalkül: „Eine Sezession Kurdistans könnte sich für Israel als wertvoll gegen den Iran, der seine eigene kurdische Bevölkerung unterdrückt, erweisen.“ Und Kenneth Pollack, ein ehemaliger Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates der USA, erklärte: „Israel sucht verzeifelt nach Freunden in der Region, und die Kurden wollen allgemein Freunde sein und interessieren sich nicht für Palästina.“ Tatsächlich sind bei Unabhängigkeitskundgebungen im kurdischen Nordirak auffallend häufig israelische Fahnen zu sehen.

 

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der neuen Ausgabe der Zur Zeit, entweder hier als E-Paper, oder ab Freitag in Ihrem Kiosk.

 

[Bild: DVIDSHUB/flickr]