Man kennt das auch aus anderen Ländern: Sobald die Linke eine Wahl verliert, geht sie auf die Straße und demonstriert gegen den Volkswillen. Da werden stets dieselben Raubersg‘schichten aufgetischt: die Wahl sei nicht regulär abgelaufen, Mogelei bei der Auszählung der Stimmen, das Wahlsystem so ungerecht … Kurz und gut: Eine Neuwahl sei unabdingbar. Idealerweise solle der Urnengang so oft wiederholt werden, bis das richtige Ergebnis rauskomme.
In Budapest gehen am 14. April ein paar Tausend auf die Straße, dito am 21. April. Es sind Kádár-Nostalgiker, naseweise Jungspunde von der Momentum-Bewegung (3,06 % Wähleranteil) des Conchita-Wurst-Imitators András Fekete-Györ, aber auch Aktivisten der Jobbik. Sie alle wollen die Vision der Holocaust-Überlebenden und Philosophin Ágnes Heller (89) verwirklichen: Eine Chaos-Koalition von ganz rechts bis nach ganz links, nach dem Motto les extrêmes se touchent.
Skandiert wird Wir sind die Mehrheit! oder etwas rüpelhaft Orbán, hau ab! Wer sollte dann statt seiner regieren? Der Korres­pondent der Tageszeitung „Die Presse“ zitiert ein bisserl spöttisch die Antwort einer Demonstrantin: Wissen wir auch nicht. Das ist ja das Problem. Na, vielleicht stellt sich Herr Soros
hochderoselbst als Premier zur Verfügung.
Bei den Oppositionsparteien geht es derweil rund. Für die Mikro-Partei Együtt (Gemeinsam) entschied sich am Wahltag bloß ein halbes Prozent der Wähler. Da die Einprozenthürde verfehlt worden ist, muss jetzt die im Voraus in Anspruch genommene staatliche Wahlkampfunterstützung von 150 Millionen Forint (rund 500.000 Euro) zurückgezahlt werden. Laut dem kommissarischen Verwalter Péter Juhász sei der Großteil des Betrages bereits im Wege einer Sammlung in der Parteikassa. Ende gut, alles gut.
Bei der links-grünen Gruppe LMP (7,06 % und acht von 199 Sitzen) entladen sich nunmehr bereits lange schwelende Spannungen. Die Gruppe wird ihrem Parteinamen auf unfreiwillig komische Art gerecht. LMP ist nämlich die Abkürzung für Lehet Más a Politika, auf Deutsch: Politik kann anders sein. Diese andere Art von Politik zeigt sich unlängst bei einer Sitzung der Ethik-Kommission der Partei: Im Zuge eines hitzigen Disputs wirft Róbert Sallai den bereits zurückgetretenen Ko-Vorsitzenden Ákos Hadházy vom Sessel. Nicht gerade sanft, weil Hadházy längere Zeit bewusstlos ist. Nachdem der Mann das Bewusstsein wiedererlangt, erstattet er Strafanzeige. Angreifer Sallai höhnt, sein Kontrahent markiere bloß. Als Parteichefin Bernadett Szél den Ausschluss des Gewalttäters vorschlägt, macht der auf Facebook Andeutungen über Széls (angebliche) Friseurbesuche und Schuhkäufe auf Steuerkosten.
Eine Spur gesitteter geht es bei Jobbik zu. Wie bekannt, trat Vormann Gábor Vona noch in der Wahlnacht zurück, die Partei wird interimistisch geführt von Márton Gyöngyösi und Tamás Sneider [schneider], letzterer unverkennbar ein sváb, sohin ein Ungarndeutscher. Währenddessen tönt László Toroczkai, Anführer des rechten Parteiflügels, er werde mit der neuen Führung den Kampf aufnehmen.
Auch das einstige Aushängeschild der Jobbik, die EU-Abgeordnete Krisztina Morvai, bereitet der Partei Sorgen: Morvai agitiert gegen die Parteilinie und weigert sich, ihr EU-Mandat zugunsten eines linientreuen Parteikollegen abzugeben. Eine ähnliche Konstellation gibt es hierzulande: Da zieren sich die Pilz-Mandatare im Nationalrat, dem Übervater einen Sitz freizumachen.
Ziemlich am Boden ist die postkommunistische Magyar Szocialista Párt. Der ist nicht nur der Vorstand samt Parteichef Gyula Molnár abhandengekommen, sondern auch ein Teil der
Mandate im Parlament.
Bisher saßen 38 Linke darin, davon 29 Postkommunisten. Nun sind es nur mehr 16! Das erinnert an die Zehn kleinen Negerlein.
Besonders bitter: Die anderen Linksgruppen konnten teilweise sogar zulegen: So die Gyurcsány-treue DK (Demokratikus Koalíció) von 5 auf 9, die Gruppe Dialog von einem auf drei Sitze. Selbst der kleinste Gnom im linken Zwergenreich, die MLP (Liberale Partei), vermochte seinen einzigen Platz im Hohen Haus zu behaupten. Bloß die Liste Együtt des ehemaligen Kurzzeit-Premiers Gordon Bajnai verlor zwei Mandate, hat nunmehr bloß eines.
Schließlich zu einem linken Argument: Die Wahl sei deswegen unfair gewesen, weil die Bürger landesweit durch TV und Zeitungen einem Trommelfeuer der Fidesz-Propaganda ausgesetzt gewesen wären; in diesem Klima der Angst hätten viele ihr Kreuz bei der Regierungspartei gemacht.
Ein Trugschluss! Denn die Magyaren mit Wohnsitz im Ausland – von Luanda bis London, von Toronto bis Csíkszereda – waren keineswegs der angeblichen Regierungspropaganda ausgeliefert. Diese Auslandsungarn votierten ebenfalls überwiegend für Viktor Orbán.
Wobei überwiegend eine sanfte Untertreibung ist: 216.120 Briefwahlstimmen entfielen auf die Fidesz-KDNP, das sind 96,24 %. Chapeau, Orbán Úr!

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