Tschechen und Österreicher empfinden bekanntlich keine besondere Sympathie füreinander. Man steht irgendwie Rücken an Rücken. Bei Umfragen, welchen Nachbarn unsere Landsleute mögen, sind Bayern und Magyaren stets vorne mit dabei, die vom Volksmund einfach die Böhm’ Genannten müssen froh sein, hin und wieder den vorletzten Rang zu ergattern.

Das hat viel mit der Vergangenheit zu tun: Denken wir nur an die nach wie vor zum Rechtsbestand der Tschechei zählenden Benesch-Dekrete.

So mancher Tscheche wiederum kiefelt an der rund 300 Jahre währenden Periode, in der Böhmen und Mähren das bevorzugte Rekrutierungsgebiet des Wiener Adels sowie des Bürgertums für Dienstboten aller Art war. Wer kennt sie nicht: all die böhmischen Ammen, Mehlspeisköchinnen, Hausmeister, Schuster und Schneider, aus denen mit der Zeit tüchtige Bürger, österreichische Patrioten geworden sind.

Im Ersten Weltkrieg durfte an der staatsbürgerlichen Aufrichtigkeit, vor allem der Eidtreue vieler Tschechen mit Recht gezweifelt werden – das gesamte Prager Hausregiment ging zum russischen Feind über. Andererseits hielt eine nennenswerte Anzahl böhmischer Offiziere der schwarz-gelben Fahne mit dem Doppeladler bis zuletzt die Treue. Zum Dank dafür wurden sie in der Masaryk/Benesch-CSR drangsaliert. Das gleiche Schicksal widerfuhr denjenigen Katholiken in Südböhmen und Südmähren, die mit den hussitisch inspirierten Machthabern in Prag nicht viel am Hut hatten.

Die Haltung, die zwischen Ablehnung und Gleichgültigkeit oszilliert, spiegelt sich wider im geringen Wissen über die politische Lage des Nachbarn. Wenn man heutzutage hundert Passanten fragt, wer in Deutschland oder in Ungarn Regierungschef sei, so wird ein Großteil die richtige Antwort wissen: Angela Merkel, Viktor Orbán. Hingegen ist der Name des Regierungschefs in Prag kaum jemandem bekannt – der unscheinbare Mann mit Kassenbrille schreibt sich Bohuslav Sobotka.

Sobotka steht seit Anfang 2014 einer Koalition seiner Sozialdemokraten (CSSD; 50 von 200 Abgeordneten) mit der Bewegung ANO (Aktion unzufriedener Bürger; 47 Sitze) des Chemie- und Medienmoguls Andrej Babiš vor, wobei die kleine christdemokratische Partei KDU-CSL mit vierzehn Mandataren den Dritten im Bunde abgibt. Die Aufgaben der Opposition nimmt neben einer archaisch anmutenden Gruppierung mit der Bezeichnung Komunistická strana Cech a Moravy (Alt-Bolschewisten) vor allem die Partei TOP 09 mit ihrem Ehrenvorsitzenden Karel (Fürst) Schwarzenberg wahr. Spätestens im Oktober stehen Neuwahlen ins Haus.

Schwarzenberg, der entgegen einer weitverbreiteten Meinung keinen österreichischen Pass besitzt (sondern einen der Tschechei sowie der Schweiz), gilt als schillernde Figur und ist trotz seiner beinahe 80 Lenze noch immer aktiv. Bis vor wenigen Jahren reist Schwarzenberg regelmäßig nach Wien, um unter anderem leicht sinistre Kontakte zu pflegen: Er trifft sich in der Barbaragasse im Herzen Wiens, konkret: in der Privatwohnung des aus Polen stammenden Philosophen Krzysztof Michalski (Chef des Instituts für die Wissenschaft vom Menschen) regelmäßig mit Alfred Gusenbauer und linksgewirkten Medienleuten. Das Ableben Michalskis im Februar 2013 bereitet dem Gedankenaustausch – mit einer, laut bösen Zungen, gewissen bacchanalischen Note – ein jähes Ende.

Eine zentrale Figur in der Innenpolitik spielt der Herr auf dem Prager Hradschin. Präsident Miloš Zeman setzte sich im Jänner 2013 bei der ersten Direktwahl des Staatsoberhauptes gegen Karel Schwarzenberg mit 55 zu 45 Prozent klar durch. Er ist der dritte Präsident der Tschechei nach Václav Havel und Václav Klaus. Zeman hat sich mit seiner ursprünglichen Partei, den Sozialdemokraten, überworfen und rief 2009 eine eigene Bewegung (SPOZ) ins Leben. Er gilt als Mann klarer Worte, obschon seine Schwäche für harte Getränke bei manchen Reden etwas hinderlich ist.

Populär ist Zemans Meinung über ungebetene Gäste. So fordert der 72-Jährige im vergangenen Herbst die Abschiebung sämtlicher Wirtschafts-Migranten aus Europa und führt sinngemäß aus: „Ich bin nicht gegen Einwanderer in meinem Land …Ich bin nur gegen islamische Einwanderung ... Ich denke, dass diese Kultur völlig inkompatibel ist. Nur ein Beispiel: Das Verhalten islamischer Migranten gegenüber Frauen. Das ist völlig anders als in unserer Kultur.“ Weitere appelliert Zeman an die jungen Männer aus Syrien, diese sollten lieber in ihrem Heimatland gegen die Islamisten kämpfen, statt nach Europa zu fliehen.

Felix Bohemia: In die Tschechei verirren sich nur sehr wenige Unerwünschte. Es hat sich in Windeseile herumgesprochen, dass jeder Ankömmling im Rahmen einer Sicherheitsüberprüfung sein Smartphone hinterlegen muss und es woanders viel kommodere Destinationen gibt. Solche auf Viersterne-Niveau. Wie hierzulande.

©

[Text: L. R.; Bild: Stefan Bauer/wikimedia.org]