Plötzlich sind alle gegen TTIP. So auch Van der Bellen, der nunmehr einen Stopp der Verhandlungen über das transatlantische Freihandelsabkommen mit den USA verlangt. Vor nicht einmal einem Jahr klang das noch völlig anders: „Als Ökonom bin ich natürlich ein Anhänger des Freihandels. Bei TTIP gibt es verschiedene Probleme, die sich lösen lassen“, sagte der Präsidentschaftskandidat am 19. September 2015 gegenüber der „Presse“. Eine klare Absage an TTIP sieht anders aus. Wenn Van der Bellen erklärt, er sei als Ökonom „natürlich ein Anhänger des Freihandels“, dann bedeutet das nichts anderes, als dass er multinationale Konzerne gegenüber kleineren und mittleren Unternehmen, die bekanntlich das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft bilden, bevorzugt.
Entlarvend ist auch der Hinweis, dass „das eigentlich Heikle die Sonderschiedsgerichte sind“. Dem ehemaligen Vorsitzenden der Grünen, die sich sonst Ökologie und Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, scheint bei TTIP die drohende Gefahr einer Importschwemme von hormonbehandeltem Fleisch und gentechnisch veränderten Produkten aus den USA nicht sonderlich zu beunruhigen. Genauso wenig, dass mehr Handel über die Kontinente hinweg auch längere Transportwege bedeuten, die damit das Klima, das den Grünen angeblich so heilig ist, zusätzlich belasten.
Mehr als eindeutig äußerte sich Van der Bellen auch zu den Finanzmärkten, die sich längst von der Realwirtschaft abgekoppelt haben und zu einer Spielwiese für Spekulanten geworden sind. „Um große Risiken an den Finanzmärkten zu vermeiden, darf man notfalls die Unwahrheit sagen“, sagte er am 20. September 2015 sinngemäß dem „Standard“. „Unwahrheit“ ist nichts anderes als ein beschönigender Begriff für „Lüge“. In diesem Sinn passt es auch, dass sich Van der Bellen als Staatsoberhaupt besonders über einen Besuch von EU-Kommissionspräsident Juncker freuen würde. Vor Jahren gestand Juncker, dass die EU so funktioniere, dass etwas beschlossen werde und man dann abwarte, ob was geschehe. Wenn es zu keinem Aufschrei komme, weil die meisten „nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“
Während für die überwiegende Mehrheit der Österreicherinnen und Österreicher die Neutralität unseres Landes ein besonders wichtiges Gut ist, hegt der grüne Herr Professor offen Sympathien für die NATO. „Ich habe übrigens noch nie ein schlechtes Wort über die NATO gesagt“, ließ er im „Profil“ am 6. April 1998 wissen. Auch zu einem De-facto-Kriegsaufruf für einen Angriff der NATO auf Libyen hat sich Van der Bellen am 18. März 2011 in einer Presseaussendung hinreißen lassen, indem er wortwörtlich meinte: „… so müssen die militärischen Mittel zur Durchsetzung des Willens der Staatengemeinschaft, nämlich eine Flugverbotszone einzurichten, bereitgestellt werden.“
Tatsächlich intervenierte die NATO militärisch in Libyen, und als Langzeitmachthaber Gaddafi sieben Monate später getötet wurde, begann der Zerfall des nordafrikanischen Staates. Damit wiederum wurde die Grundlage geschaffen, dass sich der IS auch in Libyen ausbreiten konnte und dass Libyen mangels staatlicher Strukturen zum Sprungbrett für afrikanische Einwanderer nach Europa geworden ist.