Es ist ein alter Kalauer, aber an seiner Treffsicherheit hat sich seit Jahr und Tag nicht das Geringste geändert: Wer ist Marxist? Wer Karl Marx gelesen hat. Wer ist Anti-Marxist? Wer Karl Marx verstanden hat.
Dieser Tage hat eine rosafarbene Tageszeitung der Alpen- und Donauländer diesen Kalauer um eine bemerkenswerte Facette erweitert, was insofern bemerkenswert ist, da dieses Blatt sich zwar einerseits wirtschaftsliberal gibt, sich auf der anderen Seite aber seit geraumer Zeit heftig bemüht, den Platz der nach der Wende 1989 ruhmlos untergegangenen österreichischen "Prawda" namens "Volksstimme" einzunehmen.
Da hat nun jüngst ein Schreiber im Kulturteil dieses Blattes darüber räsoniert, dass - Hört, hört! - "Karl Marx lesen heißt ihm unrecht geben" bedeutet. Schau, schau! Um nicht allzu weit von der rosa Blattlinie abzuweichen, wird der Trierer Weltverschlechterer selbstverständlich auch gelobt. Er wird als "Privatgelehrter" hochstilisiert, der freilich geistige Widersacher wie den Religionsphilosophen Ludwig Feuerbach "genüsslich" aus dem Wege räumte, während er gleichzeitig ungeniert die Ideen des Geschichtsphilosophen Hegel bedenkenlos plünderte.
Marx sei ein "genialer Rechthaber" gewesen, der in der Bibliothek des British Museum in London "nach Herzenslust die Klassiker der Ökonomie" exzerpierte. Um sie dann skrupellos auszuplündern. Er wäre ein "formidabler Futterverwerter" gewesen; so kann man es auch ausdrücken. Der "geniale Improvisator" wird als "Ideenspender", der weiterhin verwendet werden dürfe, gefeiert; um als geistiger Rabenvater weitere proletarische Diktaturen produzieren zu können? Gerade in einer Zeit, in der Rot-China weit eher einer nationalsozialistischen Diktatur gleicht als einem proletarischen Gemeinwesen und sogar die letzten Bastionen marxistischer Herrlichkeit in Kuba und Nord-Korea fallen, wäre das aus linker Sicht sicher sehr wünschenswert. Oder etwa nicht? In diesem Sinne Freundschaft und Gute Unterhaltung!

[Text: H.M.; Bild: International Institute of Social History]