Etwa zu jener Zeit, Ende der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der Begriff der Globalisierung die Runde machte und die Politologie zwischen Kampf der Kulturen und dem Triumph des westlichen Nationalstaats hin- und hergerissen war, begann sich auch ein gegenläufiger Trend zu entwickeln. Aus verschiedenen Gründen – nicht zuletzt aus der sich progressiv steigernden Unwirtlichkeit der Städte – wurde country life für bestimmte Bevölkerungsgruppen, nicht zuletzt in Deutschland, wieder interessant. Wer etwa zum Studieren in ein Ballungszentrum gezogen war und aufgrund der beruflichen Perspektive sowie des vielfältigeren großstädtischen Angebots dort kleben blieb, stellte spätestens nach der Familiengründung fest, dass es deutliche Anspruchsdivergenzen zwischen hedonistischem Singleleben und Brutpflege-Bedürfnissen gibt. Mag das multikulturelle Flair des Prenzlauerbergs oder Ottakrings noch super-chillig gewesen sein, als man ohne Kinderwagen bzw. ohne Zweitkind an der Hand in die Straßenbahn hopsen konnte, sah die Sache nach der Familiengründung dann anders aus. Plötzlich störte der Lärm randalierender Jugendlicher mit Migrationshintergrund, sah man morgenländischen Machismo – wirkungsvoll in Szene gesetzt durch getunte BMWs und Kampfhunde – etwas weniger entspannt. Wie interessant wurden dann auf einmal die zuvor meist milde belächelten Speckgürtel im näheren Umfeld der Großstädte? Nach erfolgreicher Selbst-Verdrängung aus den entstehenden Ghettos ins grüne Umland kann man dann wieder beruhigt die Grünen wählen, denn die Probleme – die jenen bleiben, die bleiben müssen – konnte man gleich erfolgreich mitverdrängen. Die Wahlergebnisse aus den die Großstädte umlagernden Gegenden zeigen diese Verdrängungsphänomene deutlich.

Am echten Land, wo man sich ein realistischeres Menschenbild bewahrt hat, und der kulturrelativistischen Selbstverleugnung ein durchaus starkes, bodenständiges Heimatbewusstsein entgegensetzt, ist dann Schluss mit den behübschenden Lage-Interpretationen. So haben die hervorragenden Wahlergebnisse von Norbert Hofer am flachen Land durchaus nichts damit zu tun, dass man nur dort die Rechten wählt, wo man noch keine Migranten kennengelernt hat. Vielmehr möchte man die erschütternden Ergebnisse (groß)städtischen social engineerings nicht unbedingt vor seiner eigenen Haustüre miterleben müssen.

 

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[Bild: Thomas Depenbusch/flickr]