Das politische, EU-austrittsfordernde London erwachte am Morgen des 9. Juni in Schrecken und Sorge. Die von der Premierministerin Theresa May auf Grund guter Voraussagen schon auf zwei Jahre nach dem letzten Urnengang angesetzte Unterhauswahl ging als Schuss nach hinten los und brachte nicht, wie erwartet, eine Vermehrung der Abgeordnetenzahl der Konservativen Partei im Parlament, sondern kostete sie die absolute Mehrheit. Zwar bleiben die Tories mit 318 Abgeordneten nach 331 im Jahre 2015 stärkste Partei im Unterhaus, aber als einzelne Gruppe fehlt ihnen das zum Regieren wichtige Mehr von 326 Mandataren in der 650 Sitze umfassenden Kammer. Es herrscht ein reines Mehrheitswahlrecht.

Im Laufe des Tages wurde dann mit der fertigen Auszählung aller Wahlkreise allerdings zusammen mit der nordirischen Demokratischen Union-Partei (DUP) und ihren zehn Mandataren (nach acht unter Cameron) das absolute Mehr mit 328 Sitzen wieder hergestellt, aber die neue konservative Regierung Theresa May steht auf schwankenden Füßen. Dabei hatte die Premierministerin die frühzeitige Neuwahl gerade vom Zaune gebrochen, um ihre Position in den Verhandlungen mit der EU um den Austritt zu stärken und nicht von zehn möglicherweise launenhaften eigenen Abgeordneten bei wichtigen Beschlüssen abhängig zu sein. Genau das Gegenteil ist geschehen. Die Premierministerin hat sich ein klassisches Eigentor geschossen. Dies entstand, weil May die stimmungsmäßige Gemengelage im Lande falsch einschätzte. Mitte April, als die Regierungschefin die Neuwahl ansetzte, lagen die Konservativen mit 20 Prozentpunkten vor der Labourpartei mit dem schwach eingeschätzten Führer Jeremy Corbyn, einem Altmarxisten. Auch die EU-duseligen Liberaldemokraten und die Schottische Nationalpartei sollten marginalisiert werden.

Inzwischen aber hat sich der Sozialdemokrat Corbyn zu einem überraschend starken Wahlkämpfer entwickelt. Er sprach im Gegensatz zu May die Massen an, holte sogar verbitterte Wähler wieder an die Urnen zurück. Daraus ergaben sich die 261 Abgeordneten (nach 232) für Labour. Gleichzeitig beging die Premierministerin katastrophale Fehler im Wahlkampf.

 

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[Bild: Chatham House/flickr]