Der Deutsch-Perser Armin Nassehi, Professor für Soziologie in München und Herausgeber des linken Kursbuch, ist ein mutiger Mann. Nicht nur, dass er als erster Beiträger zum Thema referiert, darüber hinaus hat er jüngst auch seinen Briefwechsel mit dem rechten Denker Götz Kubitschek, als Nachhang zu einem Buch, ediert. Kaum vorstellbar, dass jemand aus dem aktuellen politischen oder semipolitischintellektuellen Establishment Berlins den Mut gefunden hätte, öffentlich zu dieser geistigen Auseinandersetzung zu stehen. Erwartungsgemäß fällt das Resümee des linken Nassehi dann auch über das Deutsche und seine Wortführer aus: So etwas wie das „Eigene“ sei nicht auszumachen, auch wenn den Diskussionspartnern grundsätzlich der „Respekt“ für jene zukommen müsse, die „ernsthaft diskutieren“.
Im Angesicht der Völkerwanderung wagt sich also die „Süddeutsche Zeitung“ an die heiße Kartoffel Identität, zweifellos in der Absicht, das Thema im linksliberalen Diskurs zumindest vorerst (zwischen)erledigen zu können. Denn – wie im ersten Beitrag – bereits zu erkennen, darf man seine Zweifel haben, ob es in den begrifflichen Horizonten ebendieser linken Meinungselite überhaupt das Vokabular gibt, diese Frage zu beantworten. In den Jahrzehnten seit 1968, deren Wirkungen einerseits in den Schulen zu einer Vernichtung kulturgeschichtlichen Allgemeinwissens geführt haben und deren Proponenten an den Universitäten den Import dekonstruktivistisch und kulturrelativistisch angelegter Denkmodelle aus den USA beförderten, wurden die Wörter und die Dinge des Herkommens planmäßig verschüttet. Ein so moderierter Diskurs kann daher nur zum gewünschten Ergebnis führen, das lauten wird: Es gibt keine Differenzen zwischen Menschen, Völkern, Kulturen, weil wir die Differenz an sich nicht mehr ertragen.

 

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Text: E.S.
Bild: Clemes Pfeiffer/wikipedia