Als der verblichene Bärentaler vor rund einem Vierteljahrhundert öffentlich erklärte, die „österreichische Nation“ sei „eine Missgeburt“, gab es darob eine gewaltige Erregung. Dass er dann präzisierte, er habe eine „ideologische Missgeburt“ gemeint in dem Sinne, dass eine ethnisch eigenständige österreichische Nation eben eine Vergewaltigung der historischen und kulturellen Fakten darstellte, wurde von den Gralshütern des österreichischen Nationalbewusstseins im Bereich des politischen Establishments schon gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Es seien typisch deutschnationale Reflexe, die hier aus dem freiheitlichen Lager immer wieder auf antiösterreichische Art und Weise hochkämen.

Nun kennen wir alle die eher hilflos anmutenden Versuche der Österreicher nach der Katastrophe von 1945, den Abschied aus der deutschen Geschichte zu suchen. Man sei – die Moskauer Deklaration lässt grüßen – das erste Opfer des Hitler-Faschismus und habe mit den Deutschen samt und sonders nichts zu tun. Gesprochen werde im Lande die sogenannte „Unterrichtssprache“ und der Homo autriacus sei schon von seiner Herkunft her etwas ganz anderes als der Gemein-Deutsche, nämlich eine Mischung aus Slawen, Magyaren und anderen fernen Völkerschaften.

Solche Kleinigkeiten wie die Tatsache, dass Wien über Jahrhunderte die Haupt- und Residenzstadt der römisch-deutschen Kaiser war, dass Österreich die Vormacht im Deutschen Bund darstellte und dass – damals noch – 98 Prozent der Bevölkerung von bajuwarischen, fränkischen und alemannischen Siedlern abstammte, dass man schlicht und einfach Deutsch als Muttersprache hatte, solche Kleinigkeiten wurden schlicht und einfach ignoriert. Auch dass die österreichische Eigenstaatlichkeit, die nach 1945 die Mehrheit der Bevölkerung ja absolut bejahte, kein Hindernis für eine Zugehörigkeit zur deutschen Volks- und Kulturgemeinschaft darstelle, auch das wurde negiert. Diese neue österreichische Nation sei eben eine „Willensnation“, eine konsensual auf kulturellen Gemeinsamkeiten basierende Nation neuen Typs.

Indessen haben jene politischen Kräfte, die sich auf die österreichische Nationalität und deren Unvereinbarkeit mit deutschem Nationalbewusstsein so viel zugute gehalten haben, eben diese österreichische Nation in mehrerlei Hinsicht preisgegeben: Zuerst einmal hat man sie beziehungsweise ihre Souveränität der Europäisierung preisgegeben. Die Republik Österreich sollte nur noch so etwas wie eine von Brüssel aus regierte und reglementierte EU-Provinz darstellen.

 

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[Bild: Gryffindor/wikimedia.org]