Fußball ist die unblutige Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Somit sind Analogien aus der Geschichte bzw. der Politik vor allem bei Boulevardmedien sehr beliebt. Man denke an die regelmäßige Bezeichnung der deutschen Spieler als teutonische Tanks.
Da der Titelverteidiger ungewohnt rasch die Heimreise antreten musste, verblieben dem geschichtsbewussten Sportfan nur mehr Anleihen aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, was durchaus sehr erfrischend sein kann. Auch wenn man der DFB-Elf
mehr gewünscht hätte. Mit dem Fortschreiten des Turniers zeichnete sich ein Finale England gegen Frankreich ab. Welch herrliche Bilder hierbei vor dem geistigen Auge entstehen.
Der anderthalb Jahrhunderte währende Kampf um die Weltherrschaft auf den Meeren findet seine Neuaufl age als Kampf um die Weltherrschaft auf den Fußballfeldern. Trafalgar und Waterloo werden bemüht, der Geist von Lord Nelson und des Herzogs von Wellington wiedererweckt. Allein es blieb ein Traum.
Das tatsächliche Finale Frankreichs gegen Kroatien rückte die kontinentale Dimension der Neuaufl age des Ringens um die Vorherrschaft wieder in den Vordergrund. Und da Kroatien einmal bei Österreich war, wiedererstehen die imaginären Husaren, welche sich der französischen „leve en masse“ mit Bravour und Courage entgegenwerfen. Aber wie bei Austerlitz blieben die napoleonischen Kolonnen unüberwindbar. So durfte die „Grande Nation“ nach dem 14. Juli auch gleich noch den 15. Juli mitfeiern. Man sollte die psycho-soziale Hygiene des Fußballs nicht unterschätzen. Aber auch nicht überschätzen.
Da nähert sich die Lieblingsnichte des Verfassers dieser Zeilen und erklärt, dass sie zu Frankreich halte. Die welthistorischen, epochalen Bilder verblassen, und da stehen sich 22 Millionäre in einem kurzweiligen Zeitvertreib gegenüber. Und man freut sich auch mit ihr über französische Tore.

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[Bild: ZZ-Archiv]