Die Welt staunt, wie Rotchina oder Vietnam kommunistische Diktaturen mit einer kapitalistischen Marktwirtschaft in Einklang bringen. In der Ideologie spielt der Marxismus keine Rolle mehr. An seine Stelle ist ein Sozialismus getreten, der die strategischen Entwicklungslinien des Staates vorgibt, aber erkannt hat, dass der Staat ein schlechter Mikroökonom ist. Diese kommunistischen Staaten Ostasiens haben überall ihre Finger in der Wirtschaft drinnen, ohne die Betriebe unmittelbar zu führen. Entsprechend der makroökonomischen Vorgaben überlassen sie operativen Unternehmensführungen jeweils ausländischen Investoren, Joint Ventures und ihren bereits selbst entstandenen Kapitalisten. Obendrein kümmern sich diese „Sozialisten“ darum, dass am wirtschaftlichen Fortschritt auch die breite Bevölkerung etwas Anteil nehmen kann. Hier erscheint Vietnam sogar erfolgreicher.

Ausländische Investoren, Joint Ventures und eigene Kapitalisten dürfen Geschäfte machen, sofern sie die Gewinne im Lande lassen. Voraussetzung ist, dass sie loyal die makroökonomisch vorgegebenen Entwicklungsziele befolgen und sich in ihren Rahmen bewegen. Es ist eben egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse (Deng Xiaoping). So haben beide Seiten etwas davon, die kommunistisch-sozialistische Staatsführung eine funktionierende Entwicklung und die Wirtschaftskreise Entfaltungsmöglichkeiten. Wer China oder Vietnam heute betrachtet, sieht den Fortschritt und die Entwicklung.

Was aber ist mit dem Kommunismus, Marxismus und der Verehrung für Mao Tsetung oder Ho Chi Minh? Die Ideologie hat einen enormen Wandel durchgemacht. Nach den anfänglichen Enteignungen und durchaus gewalttätigen Säuberungen haben sich China und Vietnam vom leninistischen, stalinistischen und sowjetischen Vorbild abgewandt und an seine Stelle einen mehr oder weniger rabiaten Nationalismus gesetzt. Man ist stolz auf seine fortschrittliche nationale Entwicklung, das Abschütteln der halbkolonialen oder kolonialen Fremdherrschaft und die militärischen Siege in den Bürgerkriegen und Auseinandersetzungen mit dem „Westen“. Mao und Ho sind noch historisch empfundene Kultheroen, aber nicht mehr.

 

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[Bild: Dom Pates/flickr]