„Totenruhe“ dürfte den Verwaltern des Zentralfriedhofs ein Fremdwort sein. Das Areal soll in Zukunft nämlich nicht mehr nur Toten als Ruhestätte dienen, sondern auch Lebenden als Sportplatz. Und so wurden kürzlich unter lautstarkem Protest einer Friedhofsbesucherin zwei Laufstrecken auf dem 2,5 Quadratkilometer großen Areal eröffnet. Im Mai soll dann ein Charity-Lauf stattfinden. Der Friedhof wird also zur Partyzone.

„Der Zentralfriedhof soll mehr als eine Begräbnisstätte sein.“ Man wolle einen „Ort der Begegnung“ schaffen, erklärte die Geschäftsführerin der Friedhöfe Wien gegenüber der Presse. Fragt sich nur, wer wem begegnen soll. Sollen etwa an Trauerzügen Marathonläufer vorbeisprinten? Die einzige Begegnung auf einem Friedhof ist jene zwischen dem Toten und seinen Angehörigen, die die Möglichkeit haben sollten, am Grab in Stille und Gebet ihrer Lieben zu gedenken. Ohne von Sprinten und Joggern gestreift zu werden.

Fragt sich nur, welcher Irrsinn wohl als nächstes Einzug erhält? Schnitzeljagd in Steingrüften? Grabsteinslalom?

Die Friedhofsverwaltung hätte gewiss kein Problem damit: „Wien ist … die Stadt des Lebens. Warum sollen wir dieses Leben nicht auch auf Friedhöfe bringen?“ Weil Friedhöfe Totenreiche sind, Ruhestätten und Orte des Gedenkens – keine Tummelplätze! Doch das kümmert die Friedhofsverwaltung kaum. Schließlich seien auch Begräbnisse höchst unterschiedlich. Manche würden Kaffee und Schnaps am Grab ausschenken, andere wiederum laut schreien. Sitten seien verschieden. Soweit die zuständige Dame.

Der Verfasser hat noch keine Beerdigung gesehen, wo laut geschrien oder Kaffee und Schnaps ausgeschenkt worden wäre. Aber gut – Wien ist anders. Vielleicht ist das hier so Brauch. Eher aber scheint die zuständige Dame eine Fehlbesetzung für diesen Posten zu sein – womit sie in Wien allerdings nicht sonderlich aus dem Rahmen fällt.

[Text: A.L.; Bild: www.wikipedia.org/SchiDD; Lizenz: CC BY-SA 4.0]