Als der Autor dieser Zeilen am frühen Nachmittag des letzten Freitags mit der Tram über den Ring hin zum Hauptbahnhof fuhr, durfte er Zeuge eines bewegenden Ereignisses werden.

Schon am Burgring kündete ein Spaziergänger von der bewegenden Manifestation: Ein älterer Herr, vielleicht Pensionist, mit ungepflegtem Marx-Bart und langem, fettigem Haar, in der Hand ein selbstgenageltes Holzschild, am Körper ein weißes T-Hemd mit knallrotem Kreis, inmitten die Zahl „12“ – quer durchgestrichen. Und schon war klar, wohin die Reise ging: auf den Schwarzenbergplatz. Musste im Zuge der ersten „Demo“ gegen das Arbeitszeitgesetz noch Fahrbahnen und Schienen gesperrt werden, konnte die Straßenbahn diesmal problemlos vorbeiziehen. Auch die Wägen passierten konfliktfrei, während die müden Demonstranten mit ihren niedlichen Täfelchen an der Ampel warteten. Sie winkten einander zu, tranken Punsch oder Tee und hoben von Zeit zu Zeit reflexartig die Tafeln an, um dazu eine unhörbare Parole auszustoßen, die der Autolärm verschlang. Den riesigen Heldenplatz hatten sie eingetauscht gegen den Bürgersteig vor dem Haus der Industrie. Und sogar der blieb zur Hälfte ungefüllt.

Beim Anblick der fidelen Versammlung schienen die Demonstranten geradezu unterarbeitet. Von Müdigkeit und Kraftlosigkeit keine Spur. Eher ein energiegeladenes Teekränzchen mit parteipolitischer Umrahmung. Jedenfalls spricht dieser tollwütige Zwergenaufstand mehr für eine Anhebung als eine Senkung der Arbeitszeit. Wer nämlich vor Energie strotzt und Zeit hat – und diese Herrschaften haben Zeit – tut gut daran, seine Ressourcen abzuarbeiten. Vielleicht wäre die Regierung also doch gut beraten, die Freiwilligkeit zu 12 Arbeitsstunden durch eine Verpflichtung zu ersetzen.

Was aber war eigentlich los? Eine kurzfristige Facebook-Demo oder doch organisiert? Organsiert! Vom ÖGB. Nicht etwa, weil ihm seine Beitragszahler so sehr am Herzen liegen, sondern um den gelungenen Abgang Christian Kerns in die Privatwirtschaft und die Newcomerin Joy Pamela Rendi-Wagner zu feiern.

Und so lud man auf Kosten der braven Beitragszahler zum „heißen Herbst“ nach Wien, um am 12. Oktober 12 Stunden lang gegen den 12-Stunden-Tag zu demonstrieren. Höhepunkt: ÖGP-Präsident Wolfgang Katzian, der um 19 Uhr für eine kurze Rede in der Luxus-Karosse eingefahren wird, um anschließend in den Niederungen der Wiener Kellergastronomie abzutauchen.

Fazit: Wer 12 Stunden demonstrieren kann, kann auch 12 Stunden arbeiten!

[Text: A.L.; Bild: Wikipedia/Herzi Pinki; Lizenz: CC BY-SA 4.0]